Trend zur Wohnhöhle Unterirdische Wohnknautschzone

Der Cocooning-Trend hat seinen Höhepunkt erreicht: Eine Berliner Agentur für Privatunterkünfte vermittelt seit Neuestem Höhlen und Erdwohnungen an gestresste Großstädter. Ist das ein bizarrer Wohntrend der Zukunft? Nein, eigentlich ist es Biedermeier.

Von Gerhard Matzig

Höhlentaucher suchen im Bauch der gekenterten Costa Concordia nach Überlebenden - oder nach Leichen. Dunkel ist es dort unten. Gefährlich, unheimlich, schrecklich. Die Höhle ist von der Hölle nur einen Buchstaben entfernt, weshalb sie im Film, in der Literatur und leider auch im Leben vor allem als Schauerort vorkommt.

In "Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders" zieht sich Jean-Baptiste Grenouille für viele Jahre in eine einsame Höhle zurück, um sich dort an seinen kranken sowie mörderischen Träumen zu berauschen. Und Mark Twain lässt Becky zu Tom Sawyer sagen: "Wir sind verloren, Tom. Nie wieder finden wir aus dieser Höhle raus!" Oder wäre Indiana Jones denkbar, ohne dass er sich in diversen Höhlen, spinnbewebt von den Sporen bis zu den Ohren, mit Giftschlangen, Todesfallen, irren Gralssuchern oder Kristallschädeln herumschlagen müsste? Was bliebe dann noch übrig von Dr. Jones? Allenfalls der Hut. Die Höhle bietet dem Grusel von Platons Höhlen-Gleichnis über Freuds Couch-Analyse bis zu Spielbergs Blockbuster-Fabrik eine ideale Wohnstatt.

So gesehen ist es auf den ersten Blick verwunderlich, dass das Berliner Internet-Start-up "Wimdu" als "zentrale Plattform für Privatunterkünfte aller Art" nun ausgerechnet die Höhle als "perfekte Unterkunft für Winterschlaf-Ferien" anbietet. Etwa in der Nähe von Görlitz, wo sich "für einen richtigen Winterschlaf die Übernachtung im sogenannten Erdhaus" empfiehlt: "Das Nachtlager liegt unter der Erde und bietet Platz für bis zu 28 ,Murmeltiere'. Wer genau hinhört, kann vielleicht sogar die Schnarchgeräusche der Haustiere aus aller Welt hören, welche in der umgebenden ,Multikultikoppel' wohnen."

Die verschnarchte Multikultikoppel wäre womöglich etwas für Thilo Sarrazin, sollte er sich nicht von einem anderen Angebot unter der Rubrik "Schlummern unter der Höhlendecke" angesprochen fühlen: "Kuschelig präsentieren sich vier Höhlen im andalusischen Guadix. Auf Komfort müssen die Gäste nicht verzichten, denn die Unterkünfte verfügen unter anderem über einen Fernseher, Telefon und ein eigenes Bad. Darüber hinaus sorgt ein uriger Ofen dafür, dass es den Gästen auch bei kalten Außentemperaturen warm ums Herz wird." Buchbar ab 47 Euro die Nacht - einschließlich Ofen und Tele-Kuschelkomfort.

Was einerseits urig, andererseits aber, sollte einem unter der Höhlendecke tatsächlich warm ums Herz werden, grundfalsch wäre. Jedenfalls dann, wenn man die Sache mit dem Winterschlaf wirklich ernst nehmen wollte. Der unter Murmeltieren, Siebenschläfern, Haselmäusen oder Winternachtsschwalben auch als Hibernation bekannte Winterschlaf besteht nämlich vor allem darin, dass man sich - gerne in einer Erdhöhle oder einem hohlen Baumstamm - für einige Zeit mal so richtig runtercoolt. Die schlimmsten, kältesten, nassesten und mit Wulff-Enthüllungen vollgestopften Wochen des Jahres übersteht man am besten in einer Art energetischem Suspend-To-Disk-Zustand: im Sparmodus. Murmeltiere senken daher ihre Körpertemperatur während des Winterschlafs auf bis zu sieben Grad Celsius ab. Statt hundertmal schlägt das Herz dann nur noch zwei- bis dreimal in der Minute. Urige bis herzerwärmende Öfen wären da fatal.