Trend Duftkerzen Voll auf die Nase

Duftkerzen sind was für Esoteriker? Von wegen, es gibt sie längst in der Luxusversion. Und das Geschäft mit ihnen boomt - was soll man auch machen, wenn einem die Realität zuweilen stinkt?

Von Nils Binnberg

Diese Kerze verströmt den Duft eines Freibadtags. Herznote: nicht Pommes rot-weiß, sondern frisch gemähtes Gras und Sonnencreme. 

(Foto: PR)

So also riecht es zu Hause bei Paul McCartney. Beziehungsweise vor seiner Haustüre. Ein bisschen staubig - Kaminrauch, etwas getrockneter Rebstock, ein Hauch Ziegelstein. Diese Zutaten sind das Ergebnis eines Feldforschungstrips von Margo Breznik.

Um dem Helden aus ihrer Teenagerzeit mit einer Duftkerze für ihre Manufaktur Tatine ein Denkmal zu setzen, war sie 2008 von Chicago nach London gereist, um in McCartneys Wohnviertel St. John's Wood herumzuschnüffeln und den Geruch nobler Nachbarschaft nachzuahmen. Auf die eigentümliche Komposition wurde erst die US-Modekette Anthropologie aufmerksam, dann die wichtigsten Wohnblogs. Und nun kann man das gute Stück im Museumsshop des Londoner Victoria & Albert Museums erwerben - im Online-Regal steht sie neben der Duftkerze "Bron-Yr-Aur". Diese riecht nicht nach London und den Beatles, sondern nach der gleichnamigen, alten Hütte mitten im walisischen Niemandsland, in der die Jungs von Led Zeppelin ihre Songs komponiert haben. Und nach nassen Steinen, Moos und Gras.

Wenn das Zuhause nach einem Lavendelfeld duftet

Wie es aussieht, sind Duftkerzen zu dem Lifestyle-Accessoire überhaupt geworden, manche Promis können scheinbar gar nicht mehr ohne sie leben. Der US-Schauspieler Johnny Depp zündet sie bei seinen Filmdrehs angeblich immer und überall an, der Kreativdirektor des Modehauses Mugler, Nicola Formichetti, parfümiert seine Hotelzimmer auf diese Weise. Aber möchte man wirklich, dass das eigene Zuhause nach nassem Cottage riecht? Oder nach hawaiianischen Riesenwellen, dank der "Surf Wax"-Kerze von Ted Shred's? Oder nach einem Sonntag im Freibad - wie die Kerze "Freibad '76" vom Berliner Architekturbüro The Fundamental Group?

Solche extravaganten "Fantasiedüfte", wie das Genre genannt wird, haben dem Markt für Raumdüfte in den letzten Jahren endgültig Traumumsätze beschert. Rund die Hälfte aller verkauften "Home Fragrances" sind heute Duftkerzen, schätzt Celso Fadelli, Geschäftsführer von Intertrade Europe, einer der führenden Vertriebsagenturen für Nischenparfüms und Duftkerzen. Wo früher ein Blütenblätter-Potpourri auf der Fensterbank vor sich hin gammelte, blühen jetzt ganze Feigenbäume und Rosenbeete - wenn man die Augen schließt. Oder aber das Apartment am Münchner Ring wird zu einem zart duftenden Lavendelfeld irgendwo in der Provence.

Eigenheim-Beduftung hatte in den 70er- und 80er-Jahren noch eine esoterische Note. Mit den Nullerjahren entdeckten Hersteller dann eine Marktnische. Die einen sprachen die Plastikdinger aus der Werbung an, in stilvolleren Wohnungen stand die Lampe Berger, jenes flammenlose Glasding, das dank Katalyse-Technik alle üblen Gerüche zerschoss und die Räume mit einem auch nicht wenig penetranten Absinth-Odeur einnebelte. Doch es war die Firma Diptyque, die als erste "das Potenzial für parfümiertes Wachs erkannt hat", erinnert sich Celso Fadelli. Das war 1963. Heute verkauft der französische Hersteller eine Million Kerzen im Jahr. Für alle, die es jetzt schon vor nadelnden Weihnachtsbäumen graut: Die Duftkerze "Sapin Doré" erinnert optisch an eine Christbaumkugel und duftet nach Tannennadeln.