Trachtentrends 2017 Nostalgisch auf der Bierbank

Die Wiesn 2017 steht modisch im Zeichen von Nostalgie und Spitze.

(Foto: Collage: Katharina Bitzl)

Prall in Pastell? Nein, die Wiesn 2017 wird nostalgisch, sagen Experten. Frauen zeigen weniger Brust - Männer dafür mehr.

Von Jana Stegemann

In drei Tagen beginnen 18 Tage Wahnsinn in München. Sobald das Bier auf dem 184. Oktoberfest läuft, startet auch das Schaulaufen auf der Theresienwiese. Welche Bluse, welche Farbe, welcher Schnitt liegt im Trend? Hier einige Anregungen zum perfekten Wiesn-Outfit.

Unaufhaltsam nähert sich die Tracht wieder ihrem Ursprung. Was vor einigen Jahren begann, findet nun seinen vorläufigen Höhepunkt: Traditioneller wird's nicht mehr. Das Dirndl ist in dieser Saison mehr als nur ein Kleidungsstück - es verkörpert Hoffnung. Werteverbundenheit, Geborgenheit und Handwerk sind die Themen der Saison.

Die Dirndlträgerin setzt in diesem Jahr auf feinste Stoffe, matte Farben und viel Nostalgie. Wer könnte ihr angesichts eines Alltags, der zunehmend von Schreckensnachrichten dominiert wird, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit verdenken? Die Tracht, ein geschmeidiger Weggefährte, dient als romantisches Rüstzeug in einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Dirndl kommen luxuriös, aber dezent daher - und so selbstverständlich, dass sie kaum mehr mit einer Partyuniform verwechselt werden dürften. Chi-Chi, Blingbling und Mini-Dirndl werden endgültig in die Mottenkiste verbannt. Schließlich war das Dirndl in seiner Ursprungsversion im 19. Jahrhundert praktisches Arbeitskleid junger Mägde. Und die sind ganz sicher nicht mit Glitzer, Rüschen und Tüll in den Stall gegangen, um Kühe zu melken. Mit Seidendirndln aber zugegebenermaßen natürlich auch nicht.

Ob bei den großen Traditionshäusern in München oder den kleinen Boutiquen: Designer, Einkäufer und Fachpersonal, sie alle berichten - anders als 2016 - von einer positiven Aufbruchstimmung bei den Kunden. "Die Umsätze sind unglaublich gut. Wir freuen uns, dass sich so viele Leute die Lust am Feiern nicht nehmen lassen", sagt Gabriele Hammerschick, Trachteneinkäuferin bei Lodenfrey. Alles nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass im vergangenen Jahr die Angst vor Terror im Vordergrund stand. Dementsprechend wurde es 2016 mit nur 5,6 Millionen Besuchern die entspannteste Wiesn seit langem. Und so schlägt sich das kollektive Aufatmen auch in den diesjährigen Trachtenkollektionen nieder.

Griasdi Loden - Pfiatdi, Samt

In den Geschäften hängen neuerdings Dirndl aus Wollbrokat und Seidengemischen, die Stoffe sind leicht, fein und anschmiegsam. "Man arbeitet wieder sehr viel mit natürlichen Materialien", sagt die Münchner Designerin Julia Trentini. Und mit alten Bortentechniken wie Froschgoscherl, Herzrüsche und Muschelband. Statt komplizierter Schleifentechnik lassen sich immer mehr Dirndlschürzen wieder mit Silberschließen in Form halten. Das ist praktisch, aber ein bisschen teurer - je nach Material der Schließe. "Hochwertige Baumwolle und feines Leinen sind noch immer angesagt", sagt auch Gabriele Hammerschick. Sogar Maschinenwäsche überstehen einfache Baumwolldirndl, die sogenannten Waschdirndl. Eine Renaissance erlebt aber auch ein anderer Stoff: Loden. Vom Haute-Couture-Haus Chanel in diesem Jahr bereits gezeigt, wird man das edle Material verstärkt auch in den Bierzelten sehen. Auch bei den Männern, da ist sich Hammerschick sicher, haben die hochgeschlossenen Samtwesten ausgedient. Die modernen Trachtenwesten sind aus Stoff, bevorzugt aus Loden. Sie haben keine Brusttaschen mehr, sondern V-Ausschnitt.

Vier Trends in einem Outfit: Ein hochgeschlossenes ockerfarbenes Dirndl mit Wollstoff-Mieder, enganliegender Bluse und Strümpfen in Ajour-Muster.

(Foto: Julia Trentini)

Farbschmutz und Schleierton

Die Rückbesinnung auf Traditionen schlägt sich auch in den Farbthemen nieder. Neben den klassischen Dirndlfarben - Dunkelgrün, Marine und Bordeaux - dominieren vor allem gedeckte Töne und matte Farben. "Erdtöne, Olivgrün, Cognacbraun, Ocker, warmes Senfgelb, Beerentöne, Rauchrosa - alles Farben, die wirken, als hätte jemand einen Schleier drübergelegt", sagt Designerin Julia Trentini. Auch bei Angermaier verkauft sich in dieser Saison die Farbe "Spanisches Gelb", ein eher schmutziger Gelbton. "Die Dirndl-Farben, die den meisten Frauen stehen, sind Taupe, Grau und Dunkelblau", sagt Einkäuferin Gabriele Hammerschick. Und weil sich die Trachtenmode Inspiration aus der Haute Couture holt, hängen in diesem Jahr auch verstärkt Pastelltöne bei Lodenfrey: "Zum Beispiel Salbei-, Rosen- und Mauvefarben."

Spitze(n) Blusen

Dafür strahlen die Dirndlblusen wieder in Reinweiß. "Weiß ist unschlagbar, das macht einen frischen Teint", sagt Gabriele Hammerschick. Auf Puffärmel darf man dieses Jahr verzichten, die Ärmel sind wie die Blusen 2017 enganliegend - und dürfen gerne aus Spitze sein. "Aber bitte keine glänzende Plastikspitze, sondern matte Klöppelspitze", sagt Julia Trentini. Dabei muss es keine St. Gallener Ätzspitze sein wie an Pippa Middletons Brautkleid - die industriell gefertigte tut's auch. Wer mutiger ist, probiert Tattoo-Spitze, ein Material , in dem gefühlt jede dritte Braut heiratet. Wer es extravaganter mag, probiert in dieser Saison schwarze Spitzen-Dirndlblusen: "Das gibt der Trägerin einen Gouvernantenchic, macht das ganze Outfit strenger", so Trentini. Die Blusen sind aber weiter hochgeschlossen, Schneewittchenkragen, also ein hoher Stehkragen, nach wie vor angesagt. Der Vorteil hier: Er streckt die Silhouette. Obwohl die Sängerin Rihanna im Sommer eine neue Brust-Debatte auslöste, sind gewagte Ausschnitte auf dem Oktoberfest auch weiter kein Thema - jedenfalls nicht modisch. "Stark gepushte Dekolletés sind out", sagt Gabriele Hammerschick. Ebenso Carmen-Blusen, jetzt aber wirklich: "Die gehen gar nicht mehr."

Auf Puffärmel darf man verzichten, die Blusen 2017 sind enganliegend und aus Spitze.

(Foto: Julia Trentini)

Mit der Kraft der Rhabarberwurzel

Was dagegen den Zeitgeist von Deutschlands Lohas trifft wie kaum sonst etwas, ist das weltweit erste Öko-Dirndl von Trachten Angermaier. In Sack und Asche müssen umweltbewusste Trachtenfans aber nicht gehen: Von außen ist das Öko-Dirndl nicht von herkömmlichen zu unterscheiden. Die gesamte "greenline"-Trachtenkollektion ist schadstoffrei, alle Bestandteile sind biozertifiziert. Auch die Herren müssen nicht auf Ökotrachten verzichten. Zur nachhaltigen Kollektion gehören unter anderem vegetabil gegerbte Lederhosen: "Sie werden ohne Chrome und sonstige Schadstoffe mit einem Extrakt aus der Rhabarberwurzel gegerbt. Das macht die Hosen sehr leicht und geschmeidig", sagt Eileen Popielaty, Mitglied der Geschäftsführung bei Trachten Angermaier.

So sehen Öko-Dirndl und vegetabil gegerbte Lederhose aus.

(Foto: Trachten Angermaier)

Flower ohne Power

Ebenfalls natürlich, aber leider out: allzu opulente Blumenkränze. "Lieber nur ein paar Blüten in die Flechtfrisur setzen", rät Gabriele Hammerschick. Dennoch verkauft sich der florale Haarschmuck ungebrochen gut. "Blumenkränze werden uns noch immer aus den Händen gerissen", berichtet Julia Trentini, die das Hutthema noch nicht ganz zu den Wiesn-Akten legen will. "Der klassische Tegernseeer Trachtenhut kann gut aussehen, weil er klein und nicht überfrachtet ist." Aber entscheiden muss man sich: zwischen Ohrringen und einer Kette - "sonst sieht man schnell wie eine überdekorierte Piroschka aus", sagt Julia Trentini. Auch Gabriele Hammerschick warnt vor zu vielen Accessoires auf einmal: "Es soll noch selbstverständlich aussehen, die Frau soll strahlen."

Zefix, ist das kalt!

Die Wiesn findet Ende September statt, das ist bekanntlich Herbst, nicht Sommer. Damit sich niemand eine Wiesn-Grippe holt, kommen Kaschmirjacken nie aus der Mode. Neu dazu gesellen sich in diesem Jahr verstärkt Walk- und Lodenmäntel. Bei Trentini ausverkauft ist aktuell der Trachtenbody, der nicht nur da sitzen bleibt, wo er hingehört - sondern auch die Nieren wärmt, anders als die klassisch-kurzen Dirndlblusen. Schwarze Wollstrumpfhosen und Strümpfe stehen ebenfalls nicht auf dem Wiesn-Index, besonders nicht die Modelle mit edlem Ajourmuster.

Auf dem Mieder des wiesengrünen Dirndls zu sehen: die Bortentechnik Froschgoscherl. Er trägt eine Stoffweste mit V-Ausschnitt.

(Foto: Lodenfrey)

Wadlstrümpfe für alle

Ob bei Sonne oder Herbstwind: Männer sind mit einer kurzen Lederhose und Wadlstrümpfen immer richtig angezogen. Die Lederhosen dürfen in diesem Jahr auch gerne hellbraun oder hellgrau sein, das ist zeitgemäßer als dunkelbraun und grün. "Ausgewaschene Stickerei in dezenten Farben passt perfekt dazu", sagt Eileen Popielaty. Und weiße, antaillierte Hemden. "Die sackartigen dürfen gerne im Schrank bleiben." Einstellen muss man sich 2017 auf und unter allen Bierbänken auf einen eigenwilligen Trachtenschuh: Der Sportartikelhersteller Adidas hat erstmalig seine Interpretation eines Haferl-Schuhs auf den Markt gebracht: Für 199 Euro gibt es einen wasserfesten Turnschuh mit "Prost"-Aufdruck. Der ist natürlich drei Tage vorm Anstich längst überall ausverkauft.

Statt Schleife: eine Dirndlschürze mit Silberschließe

(Foto: Daniel Hofer)