Top im Trikot Die Modeindustrie hat den Radsport entdeckt

Wenn der schmale Hügelpfad zum asphaltierten Laufsteg wird - die Mode hat den Radsport entdeckt. Oder andersherum?

(Foto: Café du Cycliste)

Sponsorenlogos, Farbmassaker, irre Muster: Das war einmal. Heute muss Radsportkleidung nicht nur den Praxistest bestehen, sondern auch Laufsteg-Qualität haben.

Von Sebastian Herrmann

Der schmale, asphaltierte Laufsteg führt durch die Hügel der belgischen Ardennen. Das Model im Fokus der Aufmerksamkeit sitzt auf einem Rennrad, tritt eine steile Rampe empor und sieht aus, als würde es weder eine Schweißperle aus irgendeiner Körperdrüse sekretieren (igitt!) noch überhaupt jemals streng riechen. Es handelt sich um ein rollendes Kunstwerk, das eher in ein Modemagazin gehört als auf die Strecke eines Rennradmarathons, um eine Inszenierung, in der jedes Detail das andere feiert.

Das gediegene Trikot nimmt das Anthrazit des Fahrradrahmens perfekt auf, die zwei weißen Querstreifen auf Brusthöhe korrespondieren mit den weißen Schuhen und den krass dezenten weißen Elementen auf der Rückseite des ebenfalls anthrazitfarbenen Helms. Auf der Innenseite der Kettenstreben des Rahmens, die vom Tretlager zum Schaltwerk führen, verläuft diskret eine grüne Linie, deren Ton an den unteren Kanten des Helms mit einem ebenso diskreten grünen Band gespiegelt wird. In den Haltern befindet sich eine grüne Trinkflasche, die andere ist blau und dient als Kontrastelement. Die glatt rasierten Beine stecken - um die Inszenierung mit ein bisschen Crazyness zu würzen - in fliederfarbenen Socken. Zu den tätowierten Unterarmen trägt das männliche Rennradmodel gepflegten Vollbart.

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Die Reaktion des normalsterblichen Trikotträgers auf dem Rennrad nebenan fällt gemischt aus. Der erste Gedanke lautet: Was für ein alberner Gockel! Kann der auch Rennrad fahren oder sammelt der seine Kilometer vor allem, indem er vor dem Spiegel Pirouetten dreht? Die folgenden Gedanken aber bewegen sich in eine ganz andere Richtung: Geiles Trikot, geiler Helm, super Idee mit den grünen Farbbändern, wo kann man die Sachen kaufen? Und, nächster Gedanke: Der bescheuerte Blauton der eigenen Schuhe beißt sich mit dem Rot des Rahmens, es müssen dringend neue Schuhe in Schwarz oder Weiß her, das lässt sich leichter kombinieren.

Im Reich der Rennradwäsche hat sich in den vergangenen Jahren Erstaunliches getan. Lange Zeit war es mehr oder weniger unmöglich, Funktionskleidung zu ergattern, in der man nicht wie ein als Litfaßsäule verkleideter Clown aussah. Nun aber explodiert die Zahl der Firmen und Labels, die geschmackvolle Rennradkleidung anbieten, deren Funktionalität astrein ausfällt und die dem ästhetischen Empfinden der Betrachter schmeicheln, statt wie bisher Fluchtversuche auszulösen.

Die Modeindustrie hat den Radsport entdeckt oder der Radsport die Mode: Das ist auf der einen Seite großartig, auf der anderen Seite verführt es die ohnehin sehr konsumfreudige Rennradgemeinde dazu, ihren Materialfetisch auf Textilien auszuweiten und sich in einem ästhetisch-modischen Wettrüsten zu messen. Nach dem Motto: Wenn ich schon nicht der Schnellste auf der Strecke sein kann, dann bin ich wenigstens der Schönste. Und wenn die Farbe des Sattels nicht zu der des Lenkerbands passt, hast du im meinem Windschatten sowieso nichts verloren!

Plötzlich ist es möglich, auf dem Rennrad auch modisch über die Ziellinie hinauszuschießen.

Auch die Vergangenheit ist auf der Strecke des Radmarathons Lüttich - Bastogne - Lüttich durch die belgischen Ardennen natürlich vertreten. Bei der Runde handelt es sich um einen der drei großen Frühjahrsklassiker im Norden, eines der sogenannten Monumente des Radsports. Das Rennen wird "La Doyenne" genannt, "Die Älteste", weil es das älteste noch ausgetragene Eintagesrennen ist: 1892 strampelten hier zum ersten Mal Wettkämpfer durch den welligen Teil Walloniens, mutmaßlich ohne viele Gedanken an ihr Outfit zu verschwenden. Am Tag vor dem Profirennen dürfen in der Gegenwart Hobbyfahrer über den gleichen Kurs radeln und überprüfen, wie sich knapp 280 Kilometer und etwa 5000 Höhenmeter anfühlen (schön, schlimm, niederschmetternd, erhebend).

Historische Radsportmode: Teilnehmer der Tour de France im Jahr 1905.

(Foto: Branger/Roger Viollet/Getty Images)

Auch ästhetisch bleibt die Runde eine Herausforderung: Noch überwiegt die Zahl der klassisch-hässlichen Trikots, weshalb durchgestylte Gockel umso mehr auffallen. Viele Fahrer (es fahren, warum auch immer, so gut wie gar keine Frauen mit) tragen die Trikots ihrer Klubs oder stecken in Finisher-Leibchen, die sie bei anderen Radmarathons erstrampelt haben. Diese sind oft von erlesener Scheußlichkeit: Die Farben krachig-knallig; der Stoff mit Sponsorenlogos bedruckt, gern in zig verschiedenen Schriftarten und genauso vielen Schriftfarben. So fährt man lange hinter gepolsterten Gesäßen her, auf denen für Bauunternehmen, Brauereien, Physiotherapie-Praxen, Cafés oder Gewürzhändler geworben wird, und kann grübeln, wer in aller Welt solche Trikots gestaltet, ohne rot zu werden. Nicht immer sehen sie schrecklich aus, aber fast niemals geschmackvoll.

Die neuen Marken schmeicheln dem Wannabe-Rennrad-Styler bereits beim Einkauf

Es klingt schräg, doch diese optischen Herausforderungen stehen für die Tradition des Radsports, der als erste Profidisziplin konsequent Wettkampf und Werbung verschmolz. Die Athleten auf zwei Rädern trugen früh im 20. Jahrhundert Logos der Sponsoren auf ihren Textilien. Zu Beginn waren das Radhersteller, aber als dann der italienische Profi Fiorenzo Magni 1954 mit einem Nivea-Schriftzug über dem Trikot auf die Strecke ging, folgten sämtliche Teams bald diesem Vorbild und verwandelten ihre Fahrer in radelnde Reklame.

Heute werben Profifahrer für die Hersteller von Bodenbelägen, Badarmaturen, für Shampoo, Kaffee oder Firmen, deren Tätigkeitsfeld ohne nähere Recherche unbekannt bleibt. Entsprechend garstig sehen die Textilien im Profi-Peloton aus.

Diese Werbeästhetik hat dazu geführt, dass auch Hobbyfahrer lange in Trikots von ähnlicher Optik schlüpften. Das hat sich geändert, seit die Briten Simon Mottram und Luke Scheybeler 2004 die Marke Rapha gegründet haben: Die Firma setzt heute meist auf gedeckte Farben, viel Schwarz, Petrol, Grau mit dosierten Farbelementen oder Musterungen. Die Teile sind ziemlich teuer, dafür häufig in einem ansprechenden Merino-Synthetik-Materialmix gehalten. Im Windschatten der Briten haben nun unzählige andere Labels zur Ausreißergruppe aufgeschlossen, die ihre Version der geschmackvollen Radklamotte verkaufen.

Die Franzosen von Café du Cycliste setzen auf Querstreifen oder kleinteilige Muster (und vollbärtige Models), die Dänen von Pas Normal Studios auf schlichte Einfarbigkeit. Das Label der ehemaligen slowakischen Radprofis Martin und Peter Velits, Isadore, entwirft Trikots, die in der Regel zwei Farben kombinieren und dezente Gestaltungselemente beifügen. Die anderen Marken heißen Maap, Attaquer, Pedal Ed oder Ryzon, sie alle haben kaum einen optischen Totalausfall im Programm. Im Gegenteil, sie treiben die bisherigen Platzhirsche wie Assos oder Castelli in der Ästhetik-Wertung vor sich her.

Die neuen Marken schmeicheln dem Wannabe-Rennrad-Styler bereits beim Einkauf, etwa bei der ersten Bestellung beim jungen italienischen Label La Passione, das auf schlichte Farben, gutes Material und wenige Musterelemente setzt: Trikot und Hose werden in einer blauen Stofftasche geliefert. Darauf ist das Label genäht und die Ansage: Cycling Couture. Jawohl, ab aufs Rad, raus auf den nächsten asphaltierten Laufsteg! Für die rennradelnde Dame, die viele der Firmen über den Mode-und Lifestyle-Aspekt endlich als Kundinnen gewinnen und auf dünne Reifen kriegen wollen, sei die Farbe der Saison im Übrigen Fuchsia, sagt Paola Stagnotti von La Passione. Außerdem sagt sie: "Wir schwitzen, aber wir wollen gut dabei aussehen."

Als ginge es zum Opernball und nicht zum Sport

Rennradfahren sei ja das neue Golf, heißt es nun ständig - und das ist zumindest insofern wahr, als der Sport boomt wie blöde und das oft enorm teure Material als Statussymbol Konjunktur hat. Erstaunlich viele Menschen kaufen Rennräder für erstaunlich viele Tausend Euro - da ist nachvollziehbar, dass sie darauf nicht in Kleidung sitzen wollen, auf der Autohäuser oder der örtliche Metzger werben.

Da überraschen einen selbst die Rennradkumpels manchmal und quatschen bei einer vierstündigen Ausfahrt etwa drei Stunden und 57 Minuten über Kleidung, kennen sämtliche Namen der diversen Linien der diversen Marken, werfen mit Fachbegriffen für Funktionsfasern um sich und diskutieren, welche Klamotte bei welchen Wetterbedingungen die richtige sei, weil man ja dann doch alles rationalisieren muss. Und dann macht man auf einmal selbst mit, lässt sich anstecken, bestellt Zeug und fummelt am Abend vor einem Radmarathon nicht mehr nur an der Schaltung herum, sondern grübelt nun auch noch über die richtige Farbkombination für den Auftritt am nächsten Tag. Als ginge es zum Opernball und nicht zum Sport.

Gegen Ende des Radmarathons von Lüttich nach Bastogne und zurück sehen übrigens auch die durchgestylten Fahrer vollkommen zerschossen aus; selbst auf einer Rapha-Helmkappe kann sich eine beeindruckende Salzkruste vom Schweiß bilden. Trotzdem passen die blauen Schuhe nicht zum Rahmen. Aber wenigstens haben sie sich nicht mit dem schwarzen Lenkerband gebissen.

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