Tischkultur Hoch die Tassen!

Meissener Porzellan ist teuer und sehr gediegen. Nun soll ein junger Look her. Wie die Modedesigner von Odeeh die sächsische Manufaktur zeitgeistiger machen wollen.

Von Anne Goebel

Das Herz der Porzellanmanufaktur Meissen ist schmucklos und kahl. Ein Raum ohne Zierrat, nicht das kleinste goldbepinselte Untertässchen in Sicht. Stattdessen: Regale bis zur Decke. Auf den Brettern lagern bleiche Gipsgebilde, Tausende Hohlformen für Geschirr aus drei Jahrhunderten. Für Fürstengedecke, gutbürgerliche Sonntagsterrinen. Das Gedächtnis der stolzen Manufaktur.

Und hier liegt auch die Zukunft von Meissen. Im Reichtum der Vergangenheit, das schon auch. Aber noch mehr in diesem Look des Magazins mit den Holzgestellen. Puristisch. Irgendwie spröde. Cool.

So sehen das jedenfalls zwei, denen die künftige Entwicklung des Unternehmens anvertraut ist: Otto Drögsler und Jörg Ehrlich, Kreativdirektoren der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen GmbH. Ein langer Name, verschnörkelt wie die Henkel der berühmten Kaffeetassen. Doch der neue Posten der Chefgestalter weist geradewegs in die Gegenrichtung: jüngeres Sortiment und jüngere Klientel, lautet die Zielvorgabe. Die Produktionsstätte wurde 1710 gegründet, seither steht Meissen für glockenhell klirrende Gedecke, für die große Tafel - und ist doch, wie der Begriff Tafel selbst, aus der Mode gekommen. Das soll jetzt anders werden. "Willkommen im wilden Osten", sagt Ehrlich zur Begrüßung. Über der Elbe ragt die Albrechtsburg trutzig in den Himmel. Porzellan, das "weiße Gold", ist schon lange der Stolz Sachsens.

Wer sich mit dem Designerduo zum Rundgang über das Firmengelände verabredet, bekommt keine Führung, das übernimmt die Pressestelle. Otto Drögsler und Jörg Ehrlich spazieren eher staunend durch schöne alte Treppenhäuser, vorbei an ehemals königlichen Glasierstuben, Brennöfen, Schlämmbassins. Beide tragen natürlich Schwarz, die Farbe der "fashion people", sie kommen ja aus der Mode. Mit ihrem Label Odeeh gehören Drögsler und Ehrlich seit zehn Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Designern. Sie zeigen ihre Kollektionen in Paris und Berlin, werden gefeiert (Berlin) und geschätzt (Paris) für lässige Eleganz, Schneiderkunst und ein Gespür für das Arrangieren von Mustern, das kein Mensch mit dem Namen Giebelstadt verbinden würde. Da befindet sich der Firmensitz von Odeeh, ein Örtchen in Franken.

Drögsler, gebürtiger Österreicher mit großer Eulenbrille, und Ehrlich, der aus Hessen stammt, machen gern ihr eigenes Ding - wenn die Qualität stimmt. So wie bei Meissen. Gerade entlässt ein Bus eine Fuhre Touristen, die in der Erlebniswelt nach zierlichen Tellern und Keramikmöpsen stöbern. "Für uns ist das ein völlig neuer Kosmos", sagt Ehrlich.

Der Blick von außen ist keine schlechte Voraussetzung für ihren Job, der es in sich hat. Mehr als 300 Jahre Kunsthandwerkstradition, ein von der eigenen Größe und seiner historischen Bedeutung berauschter Sachsenfürst als Initiator (1710 dekretierte August der Starke die Gründung der Manufaktur), geniale Porzellanerfinder und Maler. Nicht mal die Zeit als VEB konnte Meissen kleinkriegen. So ein Betrieb ist schon eine eher gemächliche Grande Dame. Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen.

"Wir wollen Meissen vom Podest holen, raus aus der Vitrine", sagt der Designer Jörg Ehrlich

Wunder erwarte man von den beiden Neuen nicht, sagt Geschäftsführer Tillmann Blaschke. Der 55-jährige Unternehmensberater steht der GmbH mit seinem Partner Georg Nussdorfer vor, Gesellschafter ist der Freistaat Sachsen. Letzteres hat, bei allgemeinem Niedergang der Porzellanbranche, die Lage durch politische Querelen und Fehlentscheidungen nicht gerade entspannt. Die Manufaktur steht beim Staat mit etlichen Millionen in der Kreide. Jetzt muss das Kerngeschäft angekurbelt werden. "Für uns ist entscheidend, eine angestammte, treue Klientel nicht zu verlieren und uns dabei auch Neuem zu öffnen", sagt Blaschke.

Und da kommt das Formenarchiv ins Spiel, ein Meissner Lieblingsort von Otto Drögsler und Jörg Ehrlich mit seiner klaren, ernsten, trotzdem informellen Ästhetik. In dem Depot ließe sich auch problemlos das nächste Modeshooting von Odeeh inszenieren, die Mischung aus historischem Erbe und Werkstattatmosphäre könnte den Zeitgeist nicht besser treffen. Nach dieser Rezeptur soll auch das weiße Gold interessant gemacht werden für trendbewusste Kunden mit Lust auf Hochwertiges. "Wir wollen Meissen vom Podest holen. Raus aus der Vitrine", sagt Jörg Ehrlich. Das alte Bild soll nicht mehr gelten: Teures Porzellan? Viel zu zeremoniell. Kein bisschen hip.

Das große Service mit Goldrand? Gibt es natürlich weiterhin - für Scheichs und Oligarchen

Die Silhouetten bleiben, zum Beispiel die Form einer ausladenden Prunkschale - die aber in der neuen Version mit schickem Patchwork aus Tapisseriemustern versehen ist. So ein Stück sieht auch auf einem Industrietisch in einem Berliner Loft gut aus. Drögsler hat mit wenigen Strichen auch eine Porträtserie gezeichnet, die nach hingeworfenen Modeskizzen aussieht und mit viel Weiß drumherum auf klassischen Tellern prangt. Luftig skandinavisch, kein Dickicht aus Ornamenten. Schon klar, Meissen liegt nicht in Dänemark, aber Sachsen kann jetzt eben auch Nordic Style. Es gibt Henkelbecher fürs Büro und demnächst sogar das sakrosankte Zwiebelmuster, eine Art Heiligtum im Meissen-Universum, in Regenbogenfarben. Kooperationen mit externen Designern sollen folgen. Vor drei Wochen fand in Berlin schonmal eine gemeinsame Ausstellung mit Bocci statt, einem Hersteller minimalistischer Lampen.

Die großen Services, die Kaffeegeschirre mit Goldrand, werden weiter produziert. Sie kommen vor allem im entfernteren Ausland gut an, bei Oligarchen, Scheichs, texanischen Millionärsgattinnen. Aber nur auf die konservativen Käufer zu bauen, reicht nicht mehr. Genügend Geld muss auch die neue Zielgruppe haben. Luxusware bleibt Luxusware.

In ihrem hellen Atelier, von dem der Blick auf die gegenüberliegenden Weinberge geht, erzählen Drögsler und Ehrlich von ihren täglichen Gratwanderungen. Jede Idee wird doppelt geprüft: Wie bleibt das noch Meissen und wirkt trotzdem neu genug? Natürlich gebe es auch Bedenkenträger, denen missfalle, dass sie keine "Gralshüter" sein wollen. Und ihre Kundschaft ist sowieso aus Prinzip anspruchsvoll, da gibt es keinen Unterschied zwischen Modeschöpfer und Porzellanentwickler. "Die Frage ist bei jedem Entwurf, wie kriegen wir Menschen, die schon zehn Kleider von Odeeh haben. Und drei Tafelservices", sagt Ehrlich.

Die Antwort klingt erstaunlich einfach: mit einer Überraschung, einer kleinen Unperfektion. Das kann ein grasgrün karierter Mantel sein - aus edlem Kaschmir. Oder eine bauchige Suppenschale mit Tarnmuster. Drögsler und Ehrlich nennen es den "emotionalen Moment". Man könnte auch sagen: Magie. Die hat schon bei der Erfindung des Porzellans anno 1710 in Meißen eine wichtige Rolle gespielt.