Tinder-Alternative "Waving" "Die seltsamste Dating-App, die jemals erfunden wurde"

Nur die Stimme zählt bei der amerikanischen Dating-App "Waving".

(Foto: picture alliance / Lino Mirgeler)

Wer bei "Waving" auf Partnersuche geht, sollte zuhören können: Die neue Dating-App kommt ohne Fotos aus und setzt allein auf die Stimme. Mancher redet sich dabei um Kopf und Kragen.

Von Johanna Bruckner, New York

Am Anfang steht ein Kompliment. Allerdings weniger für den Menschen, sondern für die Technik. Kein Wunder, die App "Waving" ist anders als die anderen. Wer hier unterwegs ist, sollte gut zuhören können. Auf der Suche nach einem Partner wischen die User nicht durch Fotos, sondern lauschen fremden Stimmen. Lee, 30, findet das Konzept "faszinierend". David, 34, meint, das sei "eine wirklich coole Idee für eine App." Nick hat sich offenkundig schon durch einige Partnerbörsen geklickt, er spricht von der "wahrscheinlich seltsamsten Dating-App, die jemals erfunden wurde". Der 34-Jährige hat die Zauberformel für suchende Singles bereits verinnerlicht: "Alles ist einen Versuch wert, schätze ich ...." Seine Stimme klingt verzweifelt, aber nur ein bisschen.

Ob das seiner Situation geschuldet ist oder akuter Panik vor den Herausforderungen dieser App, sei dahingestellt. "Waving" ist eine der jüngsten Dating-Anwendungen auf dem amerikanischen Markt. Das Prinzip haben sich die Macher vom Marktführer Tinder entliehen. Zustimmung: grüner Haken, Wisch nach rechts. Ablehnung: rotes X, Wisch nach links. Die Grundlage dafür hingegen ist neu. Statt an Fitnessstudio-Selfies und geklauten Sinnsprüchen orientieren sich die Nutzer ausschließlich an Sprachnachrichten.

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Dementsprechend reduziert kommt die Optik daher: Auf weißem Hintergrund erscheinen lila Tonspuren, mitgeliefert werden lediglich rudimentäre Eckdaten wie Name, Alter oder Beruf. Jeder App-Nutzer muss mindestens eine Botschaft einsprechen, um mit dem Stimm-Dating loslegen zu können. Der Umfang ist so verschieden wie die Teilnehmer, manche Hörprobe geht über ein "Hallo" nicht hinaus, besonders mutige Kandidaten haben gleich mehrere Beiträge im Angebot. Was die meisten verbindet: der Performance-Druck. So viele nervös hicksende Stimmen hat man seit der Pubertät nicht mehr gehört.

Das Versprechen, das die "Waving"-Nutzer mit der App herunterladen, ist alles andere als neu, doch im Zeitalter des Online-Datings geradezu revolutionär: Bei uns geht es um innere Werte. Eine Image-Aufwertung durch süße Hunde, Sport-Accessoires oder malerische Sonnenuntergänge wie beim Foto-basierten Dating ist bei "Waving" nicht möglich. Die Singles haben nur ihre eigene Stimme - und das ist selbst für Profis eine Herausforderung. Nick, laut Kurzbiografie "Sänger und Songwriter", spricht in seiner ersten Hörprobe jenen Gedanken aus, den jeder kennt, der schon einmal die eigene Stimme auf Band gehört hat: "Was mache ich eigentlich hier?"

"Ich liege im Bett ..."

Die Gründe, warum so viele trotz Fluchtreflex beim Anblick eines Mikrofons mitmachen, sind unterschiedlich: Da sind die Nicks, die nichts unversucht lassen wollen, eine feste Partnerin zu finden. Dann gibt es Männer wie Cy, 33, der sein Motiv so formuliert: "Ich liege im Bett und wünsche mir jemanden, der neben mir liegt. Meldet euch!" Und schließlich jene, die vor allem aus Neugier dabei ist.

Nicht zuletzt die überraschende Popularität der WhatsApp-Sprachnachrichten zeigt: Auch wenn ein Großteil der zwischenmenschlichen Kommunikation mittlerweile über Textnachrichten und Emoticons funktioniert - zwei Dutzend pulsierende Herzen können nicht annähernd so viel Gefühl, Nähe und Unmittelbarkeit transportieren wie die menschliche Stimme. Wer spricht, sagt mehr als Worte. Die eigene Stimme kann unfreiwillig Details preisgeben wie Traurigkeit, Zweifel, Unsicherheit, aber auch echte Freude oder Begeisterung. Insofern stimmt das implizite "Waving"-Versprechen: Dating per Stimme geht unter die Oberfläche.

Die Frage ist nur: Wie attraktiv ist Nervosität? Und wie glaubwürdig eine Voice-Nachricht, die klingt, als sei sie von einem Radiomoderator eingesprochen worden? Der Willkommensgruß an die potenziellen Partner kann beliebig oft wiederholt werden. Mit ein bisschen Übung und einem Notizzettel lassen sich in relativ kurzer Zeit einigermaßen professionelle Ergebnisse erzielen. Damit entspricht ein uninspiriertes "Waving-Hallo" dem lieblosen Badezimmer-Selfie mit Toilette im Hintergrund. Pat, 39, findet die App "unheimlich". "Leute können ihre Stimme verändern", sagt er - und bringt auch gleich den Beweis mittels einer elektronisch verzerrten Frauenstimme.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Stimme einen Einfluss darauf hat, wie attraktiv potenzielle Partner wahrgenommen werden. Männer mit tiefen Stimmen wirken auf Frauen anziehender; umgekehrt fühlen sich Männer eher zu Frauen mit höheren Stimmen hingezogen. Evolutionsbiologisch ist das mit höheren Testosteron- bzw. Östrogen-Werten zu erklären. Beim Dating per Stimme empfiehlt der Schweizer Evolutionspsychologe Robert Burriss, den Tonfall zu variieren. Wer mit der Stimme nach oben gehe, wirke zugänglicher, extrovertierter, erklärte Burriss dem amerikanischen Hörfunkverbund NPR. Man müsse sich das vorstellen wie ein Lächeln für ein Foto.

Nach dem Match wird nicht mehr gesprochen, sondern gechattet

Wer es bei "Waving" schafft, mit seiner Stimme zu überzeugen, kann aufatmen - nach dem Match läuft die weitere Kommunikation über ein Chat-Programm. Für Katie Canales, Testerin des US-Portals Business Insider, der größte Kritikpunkt: Sie wirft den Machern der App mangelnde Konsequenz vor, weil die User sich nach dem Matching eben nicht mehr nur auf die Stimme verlassen bei der Entscheidung, ob man sich verabredet.

Mancher Nutzer dürfte dagegen froh sein, sich wieder in gewohnten Gefilden zu bewegen s so wie TJ. Er sei mit einem Kollegen im Lkw unterwegs, um Snack-Automaten aufzufüllen, erklärt der nach eigenen Angaben 29-Jährige in seinem Bewerbungs-Tape. "Vielleicht treffen wir uns entlang der Route 80 - und ich gebe dir was zu knabbern aus?" Man kann sich gut vorstellen, wie besagter Kollege in dem Moment wild gestikulierend versucht, TJ klarzumachen, dass seine Sprachnachricht eher abschreckt als verlockt. Zwischen einem charmanten Eisbrecher und dem Eindruck, ein Serienkiller auf der Suche nach dem nächsten Opfer zu sein, ist es bei "Waving" ein schmaler Grad.

Das scheint auch TJ in dem Moment klarzuwerden, und so rettet sich der Snack-Ausfahrer in Selbstironie: "Das hört sich ja überhaupt nicht gruselig an! Vergiss, was ich gesagt habe." Wer weiß, womöglich findet sich jemand, der sich gerade davon angesprochen fühlt.

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