Test Dieser Mann weiß, wo es die beste Pizza in New York gibt

"Wenn es knuspert und knistert, ist sie gut." Colin Hagendorf.

(Foto: oH)

Colin Hagendorf hat 373 Pizzerien in Manhattan getestet. Nach zweieinhalb Jahren erkennt der Mann eine perfekte Pizza.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Colin Hagendorf kann sich absolut nicht auf das Gespräch konzentrieren. Er sitzt strategisch günstig und kann hinter die Theke gucken. Direkt neben der alten Kasse, die noch "Ka-Ching" macht, wenn man sie bedient, knetet ein Pizzabäcker Teig und rollt ihn aus. Die Pizzeria liegt mitten in Manhattan und ist eine von 373, die Hagendorf binnen 30 Monaten besucht hat, um dort ein Stück Pizza zu probieren. Sie heißt Suprema und bekommt die Bestnote von Hagendorf. "Ich bin so oft hier, aber sitze immer mit dem Rücken zur Kasse. Ich habe noch nie gesehen, wie die ihre Pizza zubereiten. Das ist ja bezaubernd."

Hagendorf ist ein Punk. Seine Kleidung ist schwarz, die Fingernägel gold und schwarz lackiert, die Irokesenfrisur trägt er nur noch als Illustration im Buch. Er sei selbst verwundert darüber, dass er sein Pizza-Projekt durchgezogen habe. Bier trinken und reden sei bis dahin eher sein Ding gewesen. Losziehen und große Worte in Taten umsetzen weniger. Dieses Mal hat er es aber getan: Er hat sich durch alle Pizzerien in Manhattan gegessen.

Im Suprema hängt sein Bild an den Wänden

Pizza sei das Nahrungsmittel in New York schlechthin, sagt Hagendorf. Außerdem sind die Stücke mit zwei Dollar auch billig genug, dass er sich sein Experiment leisten konnte. "Ursprünglich wollte ich sämtliche Pizzerien in New York testen. Aber nach mehr als zwei Jahren fand ich es fürchterlich, über Pizza zu schreiben." Zwei Stücke liegen auf seinem Teller.

Das Suprema ist gut gefüllt, die Schlange lang. An Wänden und Tischen sind Rezensionen platziert: Wall Street Journal, New York Daily News. Auf den Bildern ist Hagendorf zu sehen. In sozialen Netzwerken posten Menschen Fotos, wenn sie hier sind, zusammen mit dem Buch, das Hagendorf gerade veröffentlicht hat. "Dieser Ort hier hat massiv an Kundschaft gewonnen durch mich", sagt er. Die Mitarbeiter grinsen ihn an und fragen, ob er zufrieden ist.

In seiner Zeit als Pizzatester blieb Hagendorf anonym. Seine Rezensionen veröffentlichte er auf einem Blog. Er wollte nicht, dass ihn Leute erkennen und sich deshalb extra Mühe geben. Seine Bewertung kann vernichtend sein: "Komplett halb gar. Das Pizzastück hing herab wie ein schlaffer Penis", heißt es zum Beispiel an einer Stelle. Doch bis dato habe sich niemand bei ihm beschwert. "Außer einem Typ, der meinte, ich hätte sein Leben ruiniert. Seine Frau hätte ihn verlassen." An ihm habe es aber nicht gelegen, sagt Hagendorf. "Es hat mich natürlich traurig gestimmt, das zu lesen. Aber der Laden war leer, bevor ich darüber geschrieben habe."

Was eine perfekte Pizza ausmacht.

Sein eigener Erfolg hat Hagendorf überrascht. Schauspieler wollten mit ihm Pizza essen gehen, Literaturagenten, dass er ein Buch schreibt. "Dabei war ich ein Junge, der Bürobedarf geklaut hat, um selbstgedruckte Magazine zu verkaufen." Das Geld, das er durch den Vertrag bekommen hat, habe er größtenteils nicht angefasst. "Ich habe mir neue Unterwäsche gekauft und meinen Mitbewohner aus der Wohnung geschmissen, das war's."

Wenn Hagendorf Pizza isst, legt er den Zeigefinger an die Kruste, Mittelfinger und Daumen an die Ecken. Dann faltet er die Pizza. "So isst man Pizza in New York." Sein Vater habe ihm das beigebracht. "Wenn es knuspert und knistert, ist sie gut", sagt der Tester. Was eine perfekte Pizza ausmacht, ist ebenfalls klar: "Der Teig ist ungefähr einen Zentimeter dick. Gerade so viel Sauce, dass der Boden feucht ist, aber nicht labbrig. Man muss die Tomaten schmecken können. Der Käse muss kräftig sein, der Boden leicht verkohlt."

Viele der Läden, über die er geschrieben hat, gibt es mittlerweile nicht mehr. Aber er isst immer noch gerne Pizza und macht sich Notizen im Kopf. Denn seine Freunde rufen weiterhin an und wollen die besten Ecken der Stadt schmecken.