Blog zur Fashion Week Berlin Dit is Fashion, weeste?

Die Schere zwischen reich und arm geht immer weiter auseinander - ungeachtet dessen geben sich Berliner Modeverrückte auf der Fashion Week ein Stelldichein.

(Foto: Getty Images for IMG)

Während die Jungdesigner im Modezelt am Brandenburger Tor ihre Kollektionen vorstellen, feiert sich die Szene jenseits der Schauen selbst. Was abseits der Defilees passiert und wie die Berliner mit dem immer größer werdenden Modezirkus umgehen, davon erzählt dieser Blog.

Von Ruth Schneeberger

Es ist paradox: Im selben Jahr, in dem die Modemesse im zwölften Jahr ihres Bestehens mit rund 250.000 erwarteten Fachbesuchern den größten Zuwachs verzeichnet, extra einen Tag länger dauert und weiter wachsen soll, um Berlin neben Paris, Mailand und New York wieder zu einem Mode-Mekka zu machen, im selben Jahr veröffentlicht das größte Sozialgericht Deutschlands in Berlin eine nicht minder interessante Zahl: 44.000 Klagen gingen 2012 dort ein. Das ist Rekord. Die Klagen von beispielsweise Sozialhilfeempfängern kämen bisweilen im Minutentakt, ächzt die Präsidentin des Berliner Sozialgerichts, Sabine Schudoma: "Wir müssten ein Jahr schließen, um diesen Aktenberg abzubauen."

Berlin befindet sich also pünktlich zur Fashionweek mitten in der viel zitierten Schere, die immer weiter auseinandergeht. Mitten in Mitte: Das große Zelt von Hauptsponsor Mercedes, stets umrankt von aufgeregten Modeverrückten, die mit dürren Beinchen und zitternden Knien auf Einlass warten. Drumherum: verärgerte Autofahrer, die, wenn überhaupt, zu weniger glamourösen Jobs unterwegs und seit Wochen gezwungen sind, eine der größten Hauptverkehrsstraßen ihrer Stadt großzügig zu umfahren. Die Straße des 17. Juni ist für die Fashion Week gesperrt. "Der ganze Verkehr wird lahmgelegt, und was habe ich davon? Nüscht!", schimpft ein Autofahrer, der nicht danach aussieht, als würde ihn die glamouröse Glitzerwelt in seiner Stadt beeindrucken.

Parallelwelt am Brandenburger Tor: Nicht alle Berliner bleiben angesichts des Rummels in ihrer Stadt gelassen.

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Dabei boomt der Modesektor in Berlin, was auch der Stadt zugutekommt: Die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Bereich sei zwischen 2009 und 2011 um 23 Prozent gestiegen, teilte Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer zum Auftakt der Modewoche mit, das ist fast ein Viertel in nur zwei Jahren. Rund 18.500 Menschen sind mittlerweile in der Branche beschäftigt, der Umsatz kletterte 2010 auf über zwei Milliarden Euro - ein Plus von 17 Prozent. Mit mehr als 2000 Designer-Ateliers (ebenfalls ein Plus von 23 Prozent) gibt es hier die meisten Modebetriebe Deutschlands. Yzer sagt: "Mode ist in Berlin eine Erfolgsgeschichte. Die Wirtschaftsförderung für die Modebranche und die Modewochen lohnt sich."

Das mag für Berlin und die Modewelt stimmen - viele Berliner aber merken wenig davon. So wie der Gast in der Kneipe "Zum Elefanten" am Heinrichplatz, der namentlich nicht genannt werden möchte, sich dafür aber umso mehr erregt: "Die paar Taxifahrer und Hoteliers, die davon profitieren - ich kenne niemanden, der durch die Modewoche einen Job bekommen hätte. Und alles dafür, dass Wowi wieder Party machen kann!" Gemeint ist Berlins Regierender Bürgermeister, der unter anderem für seinen Spaßfaktor in der Stadt berühmt ist. Und Partys gibt es noch mehr als sonst in der ohnehin vom Nachtleben profitierenden Hauptstadt. Da kommen Normalbürger in der Regel aber nicht rein.

Hauptsache Fete: Klaus Wowereit auf der Eröffnungsparty der "Bread & Butter".

(Foto: dpa)

Und doch: In Berlin ist alles noch ein bisschen anders als bei anderen Mode-Events - auch die sich sonst gerne elitär gebende Fashion-Crew atmet in der deutschen Hauptstadt die berühmte Berliner Luft: Ein Stück weiter, an der Hasenheide, zeigen am Abend Nachwuchsdesigner ihre Schauen - ohne großen Akkreditierungsrummel und ohne Eintritt, für jeden, der bereit ist, sich vorher anzumelden. Hier gastiert der "Showfloor Berlin", und als am späten Dienstagabend das Designerinnen-Duo "Benu Berlin" die Schauen mit elegant verwilderten Kreationen aus Leder und Feder für den großen Auftritt von Großstadt-Amazonen gut gelaunt beschließt, da ist der Laden rappelvoll. Im Anschluss lassen sich sowohl die Anzugträger aus den Rängen mit der Aufschrift "VIP Neukölln" als auch frisch gestylte Frisörinnen im schulterfreien Minikleid zusammen mit den Nachwuchsdesignerinnen für Facebook fotografieren.

Ein paar Schülerinnen der internationalen Modeschule Esmod aus Bordeaux, die allesamt doch deutlich eleganter gekleidet sind als der durchschnittliche Berliner Fashionfan, planen nun ihren weiteren Abend. Sie entscheiden sich für den Rosenthaler Platz, wo das vietnamesische In-Restaurant "Dudu" ein Zelt in den Vorgarten gestellt hat, um der Modewoche Herr zu werden. Im Inneren des chronisch überfüllten Ladens tummeln sich Modebloggerinnen wie dit-is-fashion.de und Fachbesucherinnen aus Schweden, die hier schon dieselben Blusen tragen, wie sie morgens noch auf der Show von Hien Le gezeigt wurden: mit blau-weißem Farbverlauf, der an Batikversuche aus Schulzeiten erinnert. Rundherum stünden mehr als genug andere Lokalitäten zur Auswahl, in allen Peisklassen. Aber wer sich für hip hält, schreit sich lieber hier ins Ohr, denn das hat einfach Style.

Wohin nach der Fashion Week? Auch abseits der Schauen geht der Berliner Modezirkus weiter.

(Foto: dpa)