Supermodels heute und damals Wunsch nach anonymen Kleiderständern

Naomi Campbell, Kate Moss, Claudia Schiffer. Vor nicht allzulanger Zeit waren Topmodels Ikonen. Sie waren zickig, skandalös - und immer im Vordergrund. Bis es den Designern zu viel wurde. Heute haben die wenigsten Models noch einen Namen, geschweige denn einen Ruf. Schlecht für die Mädchen, gut für die Kollektion.

Gedanken zur neuen Model-Show mit Eva Padberg und Karolína Kurková von Violetta Simon

Im Alter von 18 Jahren erschien Naomi Campbell auf der Titelseite der französischen Vogue - als erstes schwarzes Cover-Model in der Geschichte der Modebibel. Ihr Freund und Mentor ist Yves Saint Laurent, der dafür sorgt, dass die Britin auch als erste Farbige die Cover der japanischen und chinesischen Vogue und des Time Magazine ziert. Schon bald erhielt sie Tagesgagen von bis zu 100.000 Dollar. Im Laufe der Jahre schaffte es Campbell auf mehr als 500 Titelblätter.

Sticht heraus: Eva Herzigová unter einer Schar unbekannter Models.

(Foto: REUTERS)

Als sie Jahre später einmal ihre Jeans nicht finden konnte, warf sie - schon damals mit einem Hauch Exzentrik gesegnet - ihrer Haushälterin ein Handy mit solcher Wucht an den Kopf, dass die Frau ins Krankenhaus musste. Am Londoner Flughafen bespuckte sie mehrere Polizisten, einem Freund demolierte sie die Möbel seiner Luxusyacht. Zur Strafe musste sie im Auftrag der New Yorker Stadtreinigung öffentliche Plätze schrubben - ihre Karriere blieb davon unbehelligt.

Auch Kate Moss, trotz ihrer 1,70 Meter eine der Größten der Branche, pflegte lieber ihr Bad-Girl-Image als ihren Teint. Innerhalb kürzester Zeit stieg sie zum Shootingstar auf, als Mädchen der Calvin-Klein-Campagne traf sie exakt den Nerv der Zeit, Künstler inspirierte sie zu Gemälden und Skulpturen. Weder Drogen noch ihre Beziehung mit dem jungen, aber doch schon abgehalfterten Skandalmusiker Pete Doherty konnten ihrem Erfolg etwas anhaben, im Gegenteil: Ihr "Heroin-Chic" belebte das Geschäft.

Der Begriff "Supermodel" steht laut Definition für eine hochbezahlte Person von weltweitem Ruf, die die Kollektionen der großen Häuser präsentiert. Das galt damals wie heute. In Wirklichkeit aber existiert das Supermodel nicht mehr, diese Spezies gab es so nur in den neunziger Jahren.

Im Grunde war es Peter Lindbergh, der die Urform des "Supermodels" erschuf. Auf dem Cover der britischen Vogue setzte der deutsche Fotograf 1990 fünf wunderschöne Frauen - Christy Turlington, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Cindy Crawford - in Szene. Eine neue Ära begann. Bis dahin hatte es in den sechziger Jahren Twiggy, in den Siebzigern Jerry Hall und in den achtziger Jahren Grace Jones gegeben. Heute gibt es Gisele Bündchen. Doch weder vor noch nach der "Ära Schiffer" haben Models jemals wieder eine solche Faszination und Verehrung erfahren.

Karolina Kurková und Eva Padberg sind Topmodels der Gegenwart. Die international bekannten Profis verdienen Millionen mit Schauen und Werbeverträgen. Nun treten die beiden sogar mit ihrer Casting-Show Das perfekte Model in Konkurrenz zu Heidi Klums Germany's Next Topmodel. Doch Skandale, Wutausbrüche und Drogen wie die Ikonen der neunziger Jahre könnten sich die Tschechin und die Deutsche nicht erlauben. Von ihnen und ihren Kolleginnen erwartet man: lächeln, funktionieren, das Richtige tun.

Louisa von Minckwitz, Gründerin der bekanntesten deutschen Modelagentur Louisa Models, erinnert sich an die neunziger Jahre: "Die Riege der Supermodels war ein eingeschworener Kreis. Da wurde kein neues Mädchen zugelassen, das war wie eine Mafia" erzählt die Münchnerin. "Campbell und die anderen hatten einen Celebrity-Status wie Schauspielerinnen, ihre Namen gingen durch die Yellow Press."

Und die Designer hofften, dass deren Glamour auf sie abfiel, denn: Mit den Topmodels waren auch die Labels, für die sie liefen, in aller Munde. Deshalb war Naomi Campbell fest mit dem Hause Versace verbunden. Christy Turlington und Kate Moss gehörten zu Calvin Klein. Und Chanel ohne Claudia Schiffer? Undenkbar. Karl Lagerfeld machte die blonde Deutsche mit dem Bardot-Mund zu seinem Kampagnengesicht, ließ sie seine Schauen eröffnen. "Lagerfeld gab der Schiffer freie Hand, hat sie protegiert wo er nur konnte", sagt von Minckwitz.

Das ging so lange gut, bis die Diven begannen, Zicken zu machen: "Einige stellten plötzlich Ansprüche, wollten eine Auswahl von 15 verschiedenen Mineralwassern, forderten Privatjets oder tauchten zu wichtigen Schauen gar nicht erst auf, wie Naomi damals bei Versace."

Irgendwann reichte es den Designern. Es kam die Wende. Heute lässt sich kein bedeutendes Label mehr auf eine solche Abhängigkeit ein: "Die großen Designer lassen Supermodels gar nicht mehr zu", sagt von Minckwitz. Man will weg von der Personifizierung, die Kleidung rückt wieder in den Vordergrund. Die Besucher der Schauen sollen wegen der Kollektionen kommen - und nicht, um eine Schiffer oder Campbell zu sehen.

"Was heute gewünscht wird, ist ein anonymer Kleiderständer", sagt die Agenturchefin. Deswegen würden die Mädchen immer jünger - und immer dünner. Und deswegen buchen die Designer jedes Jahr andere Models. "Wenn ein Label Kult bieten will, lässt man Beth Dito laufen. Oder ein altes Topmodel." Auch Karl Lagerfeld geht mittlerweile auf Nummer sicher: Der Chanel-Designer hält sich als Muse Baptiste Giabiconi. Der französische Jüngling läuft bei den Schauen. Doch das Gesicht für eine Chanel-Kampagne kann er als Mann niemals werden.