Stilkritik zu Yanis Varoufakis Die Attitüde des Ministers

Euro-Gruppen-Chef und Finanzminister der Niederlande, Jeroen Dijsselbloem, im Gespräch mit Yanis Varoufakis.

(Foto: AFP)

​Ob Yanis Varoufakis den Gürtel enger schnallt, sieht man nicht: Griechenlands Finanzminister lässt seine Hemden gern über die Hose hängen, gilt als George Clooney Athens. Und distanziert sich damit von seinen Vorgängern - zumindest modisch.

Von Violetta Simon

Da ist wieder einer. Ein weiterer Hinweis auf die Attitüde des Yanis Varoufakis: Im Rat der Europäischen Union in Brüssel spricht Griechenlands neuer Finanzminister mit Jeroen Dijsselbloem, Euro-Gruppen-Chef und holländischer Finanzminister. Dazu ist der Kragen von Varoufakis' Sakko aufgestellt. Ein Sakko, dessen Kragen eindeutig nicht zum Aufstellen gedacht ist. Sonst würde nicht der darunter liegende leuchtend rote Streifen zu sehen sein - jene Verstärkung, die man nur zu Gesicht bekommt, wenn man Reinigungs- oder Näharbeiten an der Unterseite des Kragens durchführt.

Die Szene mit dem roten Streifen erzeugt beim Betrachter unwillkürlich die Frage, ob der Mann, mit dem Varoufakis gerade spricht, wirklich ein Politiker ist. Oder nicht vielleicht doch sein Schneider. Die politische Debatte, sie gerät zur Anprobe. Bühne frei für den neuen Star der griechischen Krise, den George Clooney Athens - Yanis Varoufakis!

Yanis Varoufakis verwirrt mit seiner Kleiderwahl.

(Foto: AP)

Kein Anzug, keine Krawatte

Die Stadt, das Land ist finanziell am Ende. Die Griechen brauchen dringend Geld von der EU. Doch wie ein Bittsteller kommt er nicht rüber, der neue Finanzminister von Griechenland. Eher wie einer, dem man zutraut, dass er es richten wird. Einer, der den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Dass er die Staatspleite nicht verursacht hat, sollen ihm die Bürger ruhig ansehen. Varoufakis verzichtet nicht nur ebenso standhaft auf die Krawatte wie es Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras tut. Er vermeidet auch Anzüge, trägt als Zugeständnis Sakkos - und zeigt sich lieber in Lederjacke oder Motorradstiefeln. Die Botschaft: Hier steht einer, der wenig gemein hat mit den Schlipsträgern, die seine Vorgänger waren.

Tatsächlich hatte der promovierte Ökonom bis zu seiner Berufung mit Politik nichts zu tun. Varoufakis lehrte an verschiedenen Universitäten in USA, Australien und Europa, war zuletzt Chefökonom bei einem Software-Entwickler für Spiele, schrieb mehrere Bücher über Spieltheorie.

Vielleicht wirkt er nicht unbedingt wie jemand, dem man seine Zwergkaninchen anvertrauen würde, mit seinem kantigen Gesicht und dem rasierten Schädel. Doch im Ringel-Shirt könnte er ebenso gut ein netter Nachbar sein, der klingelt: "Hallo, ich bin der Yanis und bin hier gerade eingezogen." Man würde ihn auf einen Ouzo hineinbitten und über Gott und die Welt mit ihm philosophieren. Im Dreiteiler mit Krawatte jedoch - würde er doch nur aussehen wie ein Schuft im Anzug. Wohingegen deutsche Finanzminister, von Eichel bis Schäubele, in jedem beliebigen Outfit immer nur aussehen wie - Finanzminister eben.

Hemd über der Hose

Sein erstes Treffen mit Kanzlerin Merkel in Berlin fand in den Medien große Beachtung, noch bevor er überhaupt gelandet war. Denn Varoufakis verzichtete auf das obligatorische Business- oder First-Class-Ticket und flog Economy. "Varoufakis reist in der Holzklasse nach Berlin" kommentierte heute.de. Beim Treffen mit dem britischen Finanzminister George Osborne sah er aus, als hätte man ihn kurz zuvor aus einem Pub geholt: Das Oberhemd lose, das offene Sakko verschwand unter einem gewachsten Parka. Die Sun titelte fassungslos - unterteilt in Silben der Schnappatmung: "Un-suit-able!" - un-ge-eig-net!

Doch Varoufakis ficht das nicht an - er macht einfach weiter. In Lederjacke und Bikerboots wird er auf seinem Motorrad in den Sonnenuntergang davonknattern. Sein Hemd, wie gewohnt entfesselt, wird dabei eindrucksvoll im Wind flattern.

​Ob der Mann, der Griechenland aus der Finanzkrise führen soll, auch seinen eigenen Gürtel enger schnallt, kann man nur vermuten: Varoufakis lässt seine Hemden mit Vorliebe über die Hose hängen und trägt dazu Schnürschuhe, von denen es heißt, sie hätten wohl länger keine Schuhcreme mehr gesehen. Angesprochen auf seine legere Erscheinung, sagte der ehemalige Universitätsprofessors dem Heute-Journal: "Ich bin vor drei Wochen Politiker geworden. Soll ich mich deshalb anders anziehen?"

Besser nicht. Was Europa jetzt sicher nicht braucht, ist ein weiterer Schuft im Anzug.