Stilkritik zu Warnwesten Von Leuchtfarben geblendet

Liebe zur Farbe: Eine Warnweste in sonnigem Orange mit praktischen Leuchtstreifen.

(Foto: dpa)

Bauarbeiter, Streikende, Kindergärtnerinnen: Alarmierte Warnwestenträger gibt es heute an jeder Straßenecke. Zeit, zu fragen, was aus unserer ungezwungen ärmellos bewamsten Gesellschaft geworden ist.

Von Martin Zips

Kaum ein Kleidungsstück repräsentiert das Hier und Heute besser als die Warnweste. Ja, man kann sogar sagen, dass aus unserer zuletzt noch so ungezwungen ärmellos bewamsten Gesellschaft mittlerweile eine Gesellschaft alarmierter Warnwestenträger geworden ist.

Ursprünglich als Schutz für Fabrik- und Bauarbeiter gedacht, findet die Warnweste heute auch in zahlreichen anderen Lebensbereichen Verwendung: Weit verbreitet sind etwa jene Westen, mit denen Gewerkschaften ihre Mitglieder in den Arbeitskampf schicken - wie an diesem Montag beim Streik der Lufthansa-Mitarbeiter.

Aber auch im Fußballstadion wachen Ordner und Sicherheitskräfte im grellen Überwurf über das Wohl von Fans und Vereinspräsidenten. Bei Großeinsätzen im Dienste der öffentlichen Sicherheit erkennt man - dank Warnweste - Führungspersonal von Militär und Polizei sofort. Auch beim gemeinsamen Ausflug auf den Spielplatz ziehen Kindergärtnerinnen dem Nachwuchs gerne grelle Westen über. Sportsfreunde treffen sich nach Dienstschluss zum Warnwesten-Workout. Auf dem Pannenstreifen ist das genormte Polyester ohnehin Pflicht. Ebenso auf Treibjagden. Gibt's auch für Hunde.

Wahrscheinlich ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Friedhofsgärtner, Schulpsychologen, Pizzabäcker und Mitarbeiter des Europäischen Patentamts ihren Dienst am Gemeinwohl ausschließlich in Warnwesten verrichten werden.

Die Gefahr droht, dass der von so viel Leuchtfarbe geblendete Mensch am Ende gar nicht mehr erkennt, was die eigentliche Aufgabe seiner auf ein paar läppische Jahre beschränkten Existenz ist: Nämlich, die eigene Weste möglichst weiß zu halten. Genau das wäre übrigens auch ganz im Sinne des Gemeinwohls.