Stilkritik zu Nicolás Maduro Partnerlook mit einem Toten

Nicolás Maduro feiert seinen Wahlerfolg im Trainingsanzug.

(Foto: AFP)

In einem Traum aus Ballonseide hat sich Wahlsieger Nicolás Maduro in Venezuela dem Volk präsentiert und einmal mehr klargemacht, wessen Erbe er antritt. Modisch scheint er zunehmend mit seinem Vorgänger zu verschmelzen - wäre da nicht ein markantes Alleinstellungsmerkmal.

Von Felicitas Kock

Und da war die Ballonseide: Als klar ist, dass Nicolás Maduro die Präsidentschaftswahl in Venezuela gewonnen hat - durch unlautere Auszählungsmethoden, sagen seine Gegner - präsentiert sich der neue Staatschef in einem Trainingsanzug, der in den Nationalfarben glänzt, ach was, der leuchtet, als hinge die Zukunft des Landes davon ab. Venezolanische Wissenschaftler haben womöglich wochenlang geforscht, um das sonnigste gelb, das meerfarbenste blau und das blutigste Rot anzumischen.

Womöglich haben sie dafür sogar die Überprüfung der Verschwörungstheorie ruhen lassen, derzufolge Hugo Chávez' Krebstod von den USA gezielt mit biologischen Kampfstoffen herbeigeführt wurde. Es müssen eben Prioritäten gesetzt werden - und die Farbenpracht des präsidentiellen Sportanzugs kann durchaus als prioritär eingestuft werden, schließlich steckt in dem Kleidungsstück eine Menge Symbolkraft.

Der sportliche Zweiteiler, für einen Politiker hierzulande ein undenkbarer modischer Fehltritt, leistet bei Maduro Dreierlei:

  • Wer die Hingabe für das eigene Volk durch das möglichst großzügige Auftragen der Nationalfarben zeigen will, für den ist der Jogginganzug die einzige Möglichkeit. Denn so eine Trainingsklamotte in drei Farben ist zumindest noch einigermaßen vertretbar - während Maßanzüge oder Militäruniformen in gelb-blau-rot zu sehr an "Stars in der Manege" erinnern. Weshalb hier eine bunte Armbinde ausreichen muss.
  • Hinzu kommt, dass der Trainingsanzug aus dem Staatsmann einen Mann des Volkes macht. Maduro ist "einer von ihnen", das betont der 50-Jährige vor seinen Wählern immer wieder. Er, der einst als Busfahrer in den Straßen der Hauptstadt Caracas geschuftet hat. Der sich dann in der Gewerkschaft der Metro für die Belange der Arbeiter eingesetzt hat. Dieser bodenständige Mann ist Nicolás Maduro auch heute noch, möchte er mit seinem Trainingsanzug mitteilen. Nur, dass er jetzt an der Spitze eines riesigen Machtapparats steht und seine Freunde und Nachbarn befördern kann, während er seinen Feinden bitter zuzusetzen vermag.
  • Zuletzt verbindet der Zweiteiler Maduro mit seinem großen Vorbild Hugo Chávez. Auch der im März verstorbene Präsident war Trainingsanzügen in Knallfarben nicht abgeneigt. Auch er zeigte damit seine Heimatverbundenheit und hielt sein Kleine-Leute-Image so aufrecht. Gemeinsamer Patriotismus, gemeinsame Ideologie, persönliche Verbundenheit - all dies zeigt sich in dem sozialistischen Kostüm-Kanon, den Hugo Chávez geprägt hat und in den sich Maduro nun einfügt.

Zu diesem Kanon gehören neben der Trainingsklamotte auch der bereits genannte Maßanzug und das Freizeithemd. Maduro wirkt darin wie ein Mitglied der mittleren Führungsebene eines Ölkonzerns beziehungsweise wie ein gemütlicher Opa beim Sonntagsausflug. Fast würde der hünenhafte 50-Jährige zum bloßen Abklatsch seines "Meisters" mutieren - wäre da nicht der mächtige Schnauzbart, der wie ein umgekehrter Rettungsanker über seinem Mund thront.

Bei Maduro-Kundgebungen immer dabei: Aufgeklebte Schnurrbärte.

(Foto: AFP)

Der Schnauzer verleiht den Worten des Comandante-Erben ein neues Gewicht, auch wenn sie oft nur zäh und abgehackt aus seinem Mund bröckeln. Er gibt dem teigig-nichtssagenden Gesicht einen Ausdruck, der, wie schon bei Chávez, zwischen freundlichem Opa und bedrohlichem Machtmenschen schwankt. Und er ist ein Alleinstellungsmerkmal, das bei Maduro-Kundgebungen in den vergangenen Wochen hundertfach imitiert wurde. Mal echt, mal aufgeklebt, zeigte die Gesichtsbehaarung Wirkung.

Vielleicht waren auch wegen des Bartes viele erstaunt darüber, wie knapp die Wahl am Ende für Maduro ausfiel - sofern er überhaupt die meisten Stimmen bekommen hat. Neben dem gewichtigen Chavisten wirkte sein Herausforderer Henrique Capriles Radonski zwar oft smarter und konnte gerade gegen Ende des kurzen Wahlkampfs aufholen. Doch seine Trainingsanzüge hatte der Sohn aus gutem Hause nie wirklich ausfüllen können. Und wie soll jemand, der seinen Trainingsanzug nicht ausfüllen kann, bitte Venezuela regieren?