Stilkritik: Zirkusanzug Manege frei für Messi

Pünktchen und Lionel: Messi bei der Verleihung des Weltfußballer-Pokals in Zürich.

(Foto: AFP)

Pünktchen gehören auf Kindergummistiefel oder in den Zirkus. Nicht aber auf den Leib eines Weltfußballers. Doch vielleicht wollte Lionel Messi mit dem eigenwilligen Smoking nur unauffällig die Resonanz auf eine mögliche Zweitkarriere testen?

Von Lena Jakat

Pünktchen heißt die Freundin von Erich Kästners Anton, Pünktchen warnen Tiere und andere Unwissende vor giftigen Pilzen, Pünktchen zieren Kindergummistiefel. Pünktchen sind (gut, bis auf den Wulstlingsverwandten Fliegenpilz) niedlich. Erwachsene und Pünktchen, das geht allerdings nur in absoluten Ausnahmefällen. Bei Fünfziger-Jahre-Kostümen zum Beispiel, oder Kleidern im Schulmädchen-Look. Oder im Zirkus.

Wer Pünktchen trägt, wird alles, nur nicht ernstgenommen. Das zweiteilige Pünktchen-Outfit des Weltfußballers Lionel Messi, in dem er am Montagabend zum vierten Mal in Folge den Goldenen Fußball in Empfang nahm, könnte also auch als subtile Kritik an dem Zirkus zu verstehen sein, der um seine Person gemacht wird. Messi hier, Messi da, Messi dort. Er selbst kommentierte das Ensemble aus weißgepunktetem Glanz-Smoking und weißgepunkteter Glanz-Fliege allerdings mit den trockenen Worten: "Der Anzug war meine Idee. Ich wollte überraschen und anders sein." Also doch keine Gesellschaftskritik?

Der aufgeklärte Fußballer von heute träumt nicht mehr von lebenslangem Ruhm als Legende, sondern sorgt frühzeitig dafür, parallel zur Legendenbildung als Imagepflege eine Zweitkarriere aufzubauen. So wie Straftäter im Gefängnis an die Lebenswirklichkeit herangeführt werden und Schulabschlüsse nachholen, Ausbildungen machen und studieren. Auch viele Profi-Fußballer widmen sich ihrer Weiterbildung, während sie noch in der Bundesliga oder der Primera División Pässe (in Gold) verwandeln.

Messi, der Jongleur

Sie belegen Sportmanagement-Seminare an sündhaft teuren Fernunis, büffeln für Marketingkurse oder machen in weiser Voraussicht schon einmal den goldenen Trainerschein am Bande. Meist geht es darum, das Fußballerdasein irgendwann nach dem 35. Geburtstag in Würde in eine höhere Seinsebene zu überführen. Als Trainer, Manager, Marke.

Messi hat sich dagegen für eine Anschlusskarriere entschieden, die ebenso naheliegt: Im Zirkus. Dort kann er - frei von den finanziellen Nöten, die andere Mitarbeiter eines Wanderzirkus oft plagen - endlich aus verschiedenen Jobs wählen, die ihm seit Jahren ohnehin schon von den Sportjournalisten dieser Welt aufgedrängt werden: Messi, der Ballzauberer, der Tänzer (gut, das mit dem Seil müsste er dann noch üben), der Dompteur (bislang nur "der Gegner", aber das wird schon), Messi, der Jongleur.

Optischer Glanz im Zirkusrund

Wer letztere Jobbeschreibung und den Nachnamen des Barça-Stürmers in die Google-Suchleiste tippt, erhält "ungefähr 864.000" Ergebnisse. So viele Treffer können nicht irren. Und rein assoziativ stand Messi schon wegen seines Spitznamens "La Pulga" (der Floh) eh schon immer mit einem Bein in der Manege. Argentinischer Wanderzirkus, Cirque de Soleil, Stars in der Manege: Der kometenhafte Aufstieg von "Messi o Malabarista" ist unvermeidlich.

Vielleicht wollte Messi mit seinem Outfit in Zürich ganz heimlich schon testen, ob er zumindest optisch im Zirkusrund glänzen könnte. Zum Üben sollte sich der 25-Jährige allerdings ein anderes Plätzchen suchen. Seine Trophäe, der Ballon d'Or, sieht aus, als könnte sie richtig weh tun, wenn man sie auf den Kopf bekommt.

Anmerkung der Redaktion: Ein Leser wies uns darauf hin, dass Messi sich in der spanischen Zeitung El País ausführlicher erklärte: Er habe sich ein Beispiel an Diego Maradona genommen. Der war Anfang der 90er Jahre in einem ganz ähnlichen Outfit fotografiert worden. Vielen Dank für diesen Hinweis!