Stilkritik Ohne Anfassen in die heiße Pfanne

Eine britische Supermarktkette verkauft künftig Fleisch in "Touch free"-Verpackungen. Das ist konsequent, denn erstens ist Natur generell ziemlich eklig und zweitens ist uns haptisch nichts vertrauter als schönes, glattes Plastik.

Von Martin Zips

Neben der Akustik und der Optik gibt es die Haptik, die Lehre vom tastenden Begreifen. Das Jahr 1968 zum Beispiel war haptisch ein totaler Hammer. Überall lange Haare, E-Gitarren sowie riesige Tabaktüten, die sich Halbnackte im Schlamm gegenseitig in den Mund steckten.

Auch das Umblättern einer Buch- oder Zeitungsseite kann haptisch begeistern. Und selbst, wenn dieser Artikel digital erscheint: Der Lesegenuss auf Papier wäre doch ein anderer. Wellness-Massagen, freundschaftliche Umarmungen oder der Gebrauch von Duschbürsten vermitteln ebenfalls haptische Erlebnisse. Dass Reibung etwas Elektrisierendes hat, das hat ja Thales von Milet schon 550 vor Christus beschrieben.

Warum reden sich alle ein, Grillen würde Spaß machen?

Wenn es qualmt und stinkt, sind die Deutschen glücklich. Das Bedürfnis, die Kochstelle ins Freie zu tragen, eint die Nation. Dabei gibt es so viele Gründe, es sein zu lassen. Von Anna Fischhaber mehr ...

Heute, das muss man mit einer gewissen Trauer feststellen, beschränkt sich Haptik jedoch vor allem auf das (Ab-)Wischen von Handy-Bildschirmen. "Die Liebe ist der Austausch zweier Phantasien und die Berührung zweier Hautschichten", schrieb vor langer Zeit einmal der französische Dramatiker Nicolas Chamfort. Vorbei.

Dass Berührung nur noch übers Display stattfindet, darunter leiden viele Menschen. Deshalb ziehen sie sich abends in ihre super ausgestatteten Küchen zurück, um bei Fett, Gemüse und gegorenem Traubensaft endlich wieder zu sich selbst zu finden. Das Blöde ist nur: Den Kontakt mit kaltem, toten Kühlschrank-Fleisch hält der Digital-Native eigentlich kaum mehr aus.

Von Mai an bietet die britische Supermarktkette Sainsbury's deshalb gekühltes Tierfleisch in sogenannten "Touch-free"-Verpackungen an. Wer die Folie öffnet, kann das Schnitzel gleich ohne direkten Hautkontakt in die heiße Pfanne schleudern.

Das ist nur konsequent. Erstens ist Natur (zumindest im Vergleich zu dem, was auf Instagram zu sehen ist) generell ziemlich eklig. Darauf kann man auch verzichten. Zweitens ist dem modernen Menschen haptisch nichts vertrauter als schönes, glattes Plastik. Sieht man ja in den Ozeanen. Und drittens, das lernt man in jedem Mitarbeiterseminar, sind Reibungsverluste so ziemlich das Schlimmste, was einem Unternehmen passieren kann. Her also mit den berührungsarmen Haptik-Hühnchen! Wir haben sie verdient.

Der Geschmack der Heimat

Syrische Lokale prägen die Esskultur der Berliner bald ebenso wie zuvor die von Griechen, Türken oder Indern. Das liegt vor allem daran, dass viele Flüchtlinge in der Hauptstadt ihre eigene Gastronomie eröffnen. Von Verena Mayer mehr...