Stilkritik: Gwyneth Paltrow Schöne kalte Schulter

Gwyneth Paltrow ist zur bestangezogenen Frau der Welt gekürt worden. Weil sich mit einer wie ihr Hefte verkaufen lassen. Ihre Karriere verlief bisher wechselhaft - und ist jener des deutschen Fußballers Hans Jörg Butt gar nicht so unähnlich.

Von Martin Wittmann

Der Oldenburger Jörg Butt ist ein netter Kerl, gegen den niemand etwas haben kann. Weil er immer vernünftig seinen Job gemacht hat, ohne Skandale, ohne Zickereien. Einer, der sich als junger Spieler zu beweisen hatte, bis er mit 23 in die erste Fußball-Liga einstieg. Bald darauf, Ende der 90er Jahre, waren auch die letzten Kritiker von der großen Laufbahn überzeugt, die auf Butt warten würde. Aber sein Verein Bayer Leverkusen wurde immer nur Zweiter. Butt spielte gut, aber richtig erfolgreich war er nicht. Die Karrieren von Fußballern sind denen von Schauspielerinnen da zuweilen recht ähnlich.

Jedenfalls wurde Butt nach ein paar unauffälligen Jahren von einem Jüngeren ersetzt, der nun statt seiner von den Fans gefeiert und von den Journalisten interviewt wurde. Butt, Anfang 30, war in Form, aber hoffnungslos alt. So ist das in der Branche nun mal. 2008 verpflichtete überraschend Bayern München den Familienvater, und weil die Jüngeren auf einmal schwächelten, war nun der alte Butt wieder wer. Am Ende spielte er bei der WM 2010, es war der Gipfel vor der Rente. Kurz danach hörte der bald 40-Jährige auf, er war ein guter Torwart gewesen. Aber irgendwie war er auch die Gwyneth Paltrow Oldenburgs.

Paltrow war 23, als sie 1995 in "Sieben" zum ersten Mal nachhaltig im Kino zu sehen war. Als sie vier Jahre und ein paar ordentliche Filme später für ihre Rolle in "Shakespeare in Love" den Oscar bekam, schien ihr ein Platz im Hollywood-Himmel sicher. Sie arbeitete nun fleißig und wenig divenhaft - und erschreckend ertraglos. Popcorn-Filme wie "Sky Captain" oder "Schwer verliebt" floppten. In ihren guten Filmen ("The Royal Tenenbaums") war sie nur in Nebenrollen zu sehen, in den Blockbustern ("Austin Powers") nur für Sekunden. Und rechts und links überholten die jungen Dinger, lichthupend.

Die Amerikanerin tat in diesen Jahren niemandem weh, die Klatschblätter verzweifelten an ihr. Als Vater ihrer Kinder hat sie sich den einzigen braven Musiker des Universums ausgesucht. Die öko-narrische Familie lebt zurückgezogen und wohl in Freilandhaltung in London, harmonisch und schmusig wie ein Coldplay-Refrain.

2008 dann wurde Paltrow von Robert Downey Jr. überredet, in "Iron Man" dessen Assistentin zu spielen. Die Rolle wiederholte sie in "Iron Man 2" und "The Avengers", Einspielergebnis: zwei Milliarden Euro. Ob sie auch in "The Avengers 2" zu sehen ist? "Zu alt für den Scheiß", heißt es dazu - nicht aus der Branche, nicht von den Fans, sondern: von ihr. Souveräner geht es kaum. Ab in die Rente? Nicht so hurtig.

Das Magazin Peoplehat Paltrow nun zur bestangezogenen Frau gekürt. Nicht wegen ihrer üblen Nacken-Schleife, sondern weil sich mit einer wie ihr Hefte verkaufen lassen. Diese Karriere gibt nochmal Gas, und so überwindet die bald 40-Jährige ein ihr selbst wohl unbekanntes Trauma: Endlich ist sie nicht mehr bloß der Jörg Butt Hollywoods.