Stilkritik: Bill Murrays Golfhose Ein Mann muss seiner Hose gewachsen sein

Bill Murray lässt sich Frauen auf den Leib schneidern: Der Hollywoodschauspieler erscheint zu einem Promi-Golfturnier in einer grasgrünen Hose, auf der sich quietschbunte Pin-ups tummeln. Zeugt das von Wahnsinn - oder von Größe?

Eine Stilkritik von Violetta Simon

Von Hollywoodstar Bill Murray ist bekannt, dass er nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurde. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen als eines von neun Kindern auf. Als Jugendlicher jobbte er als Golfschlägertaschenschlepper - das ist keine Schande, so hat Bernhard Langer auch mal angefangen. Heute besitzt Murray nicht nur ein eigenes Baseball-Team, sondern kann sich beim Golfen seinen eigenen Caddy leisten. Schön, denkt man sich. Das freut einen doch für den sympathischen Schauspieler, der es wie kein anderer versteht, diese Mischung aus zweifelndem Melancholiker und lässigem Loser zu verkörpern. Ist immer auf dem Boden geblieben, nie groß aus der Rolle gefallen. Und nun das.

Hollywoodstar Bill Murray - die Lady Gaga der Golfszene?

(Foto: AFP)

Ein Mann, der Bill Murray zum Verwechseln ähnlich sieht, schreitet über den Country Club in Medinah, Illinois. Da es sich bei der Veranstaltung um den Ryder Cup "Captains & Celebrity Scramble" handelt, könnte es sich durchaus um den Hollywoodstar handeln. Andererseits hat er so etwas Kleinkariertes an sich: Aus einem ganz und gar unglamourösen bordeauxfarbenen Pullunder ragen lila-weiß-gemusterte Hemdsärmel. Im Zentrum der vertrauenerweckenden Pullunderbrust wird es dann schon aufregender. Eine Krawatte mäandert abwärts über die Wölbung des Bauches. Sie zeigt den Stadtplan von Chicago. Warum ein Stadtplan, wieso ausgerechnet Chicago? Was Krawatten-Motive über ihren Träger aussagen, gehört zu den letzten Geheimnissen des modernen Mannes. Die Antwort will man gar nicht wissen.

Doch weiter unten, südlich von Bill Murrays Chicago, wartet das Grauen - in Form einer Hose. Eine grasgrüne Hose, auf der sich Golfschläger schwingende Pin-up-Girls tummeln. Blondinen, Rothaarige und Brünette - alle in quietschbunten Hotpants, Minröcken und Pumps. Keine von ihnen würde in diesen hochhackigen Schuhen an der Platzaufsicht vorbeikommen. Der schöne Golfrasen! Doch der Pullundermann trägt die Damen ja am Leib. So bleibt zumindest der Rasen unversehrt - wenn auch nicht die Grenze des guten Geschmacks.

Als junger Mann hat Bill Murray schon einmal eine Grenze überschritten. Damals, während seiner Zeit auf dem College, dealte der US-Amerikaner mit Marihuana, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen. Sollte er damals auf einem Trip hängengeblieben sein und spontan beschlossen haben, eine Karriere als Designer anzustreben: Diese Hose könnte ohne Weiteres als Gesellenstück durchgehen. Bill Murray - die Lady Gaga der Golfszene?

Eine Bügelfalte, die die Gesellschaft spaltet

Wäre dem so, dann hätte die Hose zweifellos eine sozialkritische Botschaft. Was aber könnte sozialkritisch sein an Beinkleidern, auf denen Damen aus den fünfziger Jahren sich artig links und rechts von einer akkuraten Bügelfalte platzieren? Bestenfalls die Bügelfalte selbst, so undurchdringlich wie einst die Berliner Mauer. Eine Mauer, die immerhin in der Lage ist, eine bunte Gesellschaft zu spalten - auch wenn es sich dabei lediglich um ein paar Damen handelt, die sich in aufreizenden Posen auf einer Stofflandschaft vergnügen.

Vielleicht hat Bill Murrays Outfit dennoch eine Botschaft von gesellschaftlicher Bedeutung. Sie könnte lauten, dass Stil keine Frage des Geldes ist. Oder dass man einem Hollywoodstar alles verzeiht. Außer, gewöhnlich zu sein. Deshalb begnügt sich Bill Murray nicht damit, die offizielle Kleiderordnung - Polohemden, Bundfaltenhosen oder Bermudas - zu missachten. Er führt sie ad absurdum.

Beim Abschlussfoto mit zwei Profigolfern und dem Sänger Justin Timberlake nimmt Murray Haltung an. So, könnte man sich vorstellen, stand er damals da, wenn der Schulfotograf kam. Offenbar hat er noch schnell versucht, die Chicago-Krawatte im V-Ausschnitt seines Pullunders zu verstauen: Das dünne Ende hängt etwas verdreht heraus. Er sieht dadurch ein bisschen aus wie ein trauriger Klassenclown.

Es ist jene einzigartige Mischung aus Melancholiker und lässigem Loser, mit der Bill Murray seinem Outfit eine Botschaft verleiht: Nicht die Hose sollte für den Mann gemacht sein. Es ist der Mann, der seiner Hose gewachsen sein muss.