Spezialprodukte Was stillende Mütter nicht brauchen

Zum Stillen braucht es eine Brust und ein Baby, sonst nichts. Unternehmen müssen sich daher viel Unsinn ausdenken, um Geld zu verdienen.

Von Violetta Simon und Barbara Vorsamer
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Best of SZ.de 2015 - immer zum Jahresende sammeln wir die Lieblingsgeschichten der Redaktion, die am häufigsten von Lesern weiterempfohlen wurden. Diese Geschichte ist eine von ihnen. Alle lesen...

Wer stillen kann und will, spart sich eine Menge Geld. Eltern, die die Flasche geben, müssen sich Fläschchen kaufen, Pulvermilch, Sauger, unter Umständen noch einen Vaporisator (Gerät zur Reinigung der Fläschchen), ein spezielles Spülmittel, einen Milchpulverportionierer, eine Thermoskanne ... Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden, denn Unternehmen produzieren eine Menge angeblich unverzichtbarer Dinge.

Für sie ist es natürlich ärgerlich, wenn eine Frau ihr Kind stillt, denn dafür braucht sie sich eigentlich überhaupt nichts zu kaufen. Hersteller sehen das freilich anders. Sie wühlten so lange in der Kiste mit der Aufschrift "Dinge, die die Welt nicht braucht", bis sie fündig wurden: zeltartige Umhänge für stillende Frauen, die sich zur Verhüllung - in erster Linie aber zur Vermarktung - eignen. Oder ganz was raffiniertes: das Milchpulver für die stillende Mutter.

Stillpulver und Stillponchos

Ja, Sie lesen richtig. Wer dem Kind keine industriell gefertigte Nahrung geben möchte, soll sie eben selber saufen. Der Mama-Milch-Drink soll ganz wichtig für Gehirn und Sehvermögen des Babys sein. Und wer nach dem Genuss dieses seltsamen Getränks immer noch Angst hat, das Kind könnte nicht genug Nährstoffe bekommen, kann sich auch noch spezielle Müsliriegel für Stillende oder Stillkugeln nach Stadelmann zum leckeren Stilltee reinziehen.

Wer möchte, kann sein Baby beim Stillen hier drunter stecken.

(Foto: Mamarella)

Da will die Modeindustrie mitverdienen, weswegen sie den Still-Poncho erfand. Ob die stillende Mutter, die vergangene Woche aus dem Bistro der Deutschen Bahn geworfen wurde, damit wohl hätte bleiben dürfen? Die Kleidungshersteller suggerieren jedenfalls, dass sich öffentliches Stillen ohne die absurden Überwürfe nicht schickt.

So manche Kreation erweckt dabei den Eindruck, die Trägerin habe sich ein überdimensionales Lätzchen übergeworfen. Auch bei den Stilltüchern haben sich die Designer ins Zeug gelegt: Das Accessoire, das die Mutter da am Hals hat, erinnert mit seinem verstellbaren Nackengurt an die gängige Haustracht unserer Großmütter und hätte eher den Namen "Still-Schürze" verdient.

Womöglich ist die Form ja eine ironische Anspielung auf die Herdprämie. Warum aber diese Stillschürze, getragen von einer erwachsenen Frau, mit Marienkäfern versehen ist, bleibt unklar. Eindeutig hingegen ist, dass man in dem Überwurf wie jemand aussieht, der Hilfe braucht.

Achtung, hier wird gestillt!

Und unter dieses, äh, Tuch.

(Foto: Zellmops)

Schon deshalb empfiehlt es sich, das Stilltuch nur im Notfall und in Anwesenheit eines schreienden Babys mit hochrotem Kopf aus der Wickeltasche (auch ein künstlich erzeugtes Bedürfnis-Produkt) hervorzukramen. Denn eines sollte der Trägerin klar sein: In dem zeltartigen Ungetüm erregt sie eher mehr Aufmerksamkeit als ihre entblößte Brust das vermag.

Also, liebe stillende Mütter, das braucht ihr alles nicht.Um sein Baby mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen, reicht es im Normalfall, sich selbst einigermaßen gesund und ausgewogen zu ernähren. Um in der Öffentlichkeit diskret zu stillen, reichen etwas Übung und je nach Belieben ein Tuch, ein Schal oder eine Jacke.

Muttermilch ist ein Lebensmittel

Eine Mutter darf ihr Baby nicht im Bordrestaurant der Bahn stillen. Eine absurde Diskussion. Von Barbara Vorsamer mehr ...

Investiert euer Geld lieber in Massagen - es muss auch keine speziell postpartale Behandlung sein. Oder in leckere Getränke - Latte Macchiato ist auch mit Koffein ein erlaubtes Milchgetränk. Oder, eine besonders verrückte Idee: Lebt und konsumiert, als würdet ihr gar nicht stillen (bis auf Alkohol und Zigaretten). Ihr seid jetzt Mütter, aber immer noch normale Menschen.