Selbstinszenierung Jacke wie Hose

Wer will, kann für etwa 2000 Euro seine Biografie als Jacke in der Stadt zur Schau tragen.

(Foto: Kumicak + Namslau)

Das eigene Leben als Buch, Film oder eben Erinnerungsjacke: Wer im Zeitalter von Facebook und Instagram Eindruck machen will, der muss sich Mühe geben. Doch wen interessiert eigentlich diese Selbstdarstellung?

Von Titus Arnu

"Bum Bum Bum" steht in schwarzen Buchstaben auf der blauen Jacke, außerdem "Hau den Lukas", "Daft Punk" und "So hot it hurts". Auf den Stoff aufgestickt sind verschiedene Szenen aus dem Leben seines Besitzers Henning Besser: Von den Anfängen als Hip-Hop-DJ in Hamburg bis zu DJ-Sets am Strand in Mexiko. Besser, besser bekannt als DJ Phono, trägt mit der Jacke seine persönlichen Erinnerungen spazieren. Zu sehen sind darauf Bezüge zu Plattencovern, Clubs, wichtigen Personen aus dem Musikbetrieb und Zitate aus Liedtexten.

Die Berliner Künstlerin Sybille Hotz hat diese "Erinnerungsjacke" für den Hamburger DJ entworfen. Auf anderen Jacken aus ihrem Atelier prangen persönliche Erinnerungen der Textilkünstlerin an Aufenthalte in Barcelona oder Prösitz in Sachsen. "Die Erinnerungsjacken vereinen mein Interesse an Erinnerungen und Mode", sagt die Künstlerin, "über die Jacke können Geschichten erzählt werden, aber auch ohne Erzählung vermitteln die gestickten Bilder etwas." Wer will, kann bei Sybille Hotz eine personalisierte Jacke bestellen, Kostenpunkt etwa 2000 Euro, und seine Biografie in der Stadt zur Schau tragen.

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Die Selbstdarstellung gehört im Zeitalter von Facebook, Instagram und Twitter zum kleinen digitalen Einmaleins, ohne Selfies und selbstreferenzielle Videoclips bekommt man kaum Likes. Wer aber wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen will, muss sich mittlerweile etwas mehr Mühe geben. Grinsen und Posen vor der Smartphone-Kamera reichen nicht aus, um eine Kunst-Figur zu werden. Wer sein öffentliches Ich wirkungsvoll formen möchte, kann auf ein breites Service-Angebot zurückgreifen. Ghostwriter-Agenturen bieten an, einem die Biografie zu schreiben und auf Wunsch zu veröffentlichen. Bei Erlebnis-Veranstaltern wie Jochen Schweizer kann man den Dreh des eigenen Mini-Spielfilms buchen oder lernen, wie man das eigene Konterfei mit Ölfarben auf Leinwand pinselt. Bei "Dein Tonstudio" können auch Anfänger ein Lied professionell aufnehmen, Motto: werde Popstar!

Wird die Aussage von Joseph Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler ist, bald Wirklichkeit? Und wenn ja - will man überhaupt auf Schritt und Tritt mit den Erinnerungen, Fantasien und Gesangsübungen von Laien konfrontiert werden? Wahrscheinlich führt kein Weg daran vorbei. Wenn man sich richtig erinnert, gehört die Selbstdarstellung schon seit Jahrtausenden zur Menschheit, in der Kunst ist das Selbstbildnis eine der wichtigsten Disziplinen. US-Soziologe Erving Goffman prägte in den 1960er-Jahren den Begriff der Selbstdarstellung, sein Essay "Wir spielen alle Theater" gehörte zu den einflussreichsten Arbeiten seines Fachs. Die Selbstdarstellung ist aus Goffmans Sicht nicht unbedingt negativ behaftet, da sie ein "Habitus zur Aufrechterhaltung ausdrucksvoller Identifizierbarkeit" sei. Anders gesagt: Das Darstellen bestimmter Rollen gehört zum Menschsein und zur Gesellschaft.

Mal gelingt die Darstellung besser, mal schlechter, das ist im Alltag nicht anders als im Theater. Der Sozialpsychologe Hans Dieter Mummendey hat analysiert, welche Strategien Menschen bei ihrer Inszenierung verfolgen, um ein bestimmtes Ansehen bei anderen Personen hervorzurufen. Ziel der Inszenierung sei in der Regel ein "erwünschtes Selbst" mit der wesentlichen Funktion, den sozialen Einfluss zu vergrößern und den Eindruck, der auf andere Personen gemacht wird, zu steuern, zu beeinflussen und zu kontrollieren. Das klappt nicht immer, wie ein Blick in die sozialen Netzwerke zeigt.

Wer einen guten Regisseur und einen Bühnenbildner hat, kann sich natürlich professioneller inszenieren und das Ergebnis besser steuern. Hier kommen Darstellungs-Profis zum Zug, die ihre Dienste immer öfter auch für Laien anbieten. Bei den Bavaria Filmstudios etwa kann man einen personalisierten Filmdreh buchen, bei dem man in einer Gruppe von gleichgesinnten Selbstdarstellern mit professioneller Hilfe einen Kurzspielfilm produziert. Für das Drehbuch bieten Ghostwriting-Agenturen ihre Dienste an. Ein paar Stichworte und Handlungsstränge genügen, den Rest erledigen anonyme Textprofis gegen Honorar.

Wer will kann sich sogar als Statue erschaffen lassen

Wer von der Veröffentlichung der eigenen Biografie träumt, kann auch dies von einer Schreibfabrik erledigen lassen. Entsprechende Firmen machen aus jedem noch so langweiligen Leben eine "interessante und spannende Erzählung", wie es auf der Website eines Anbieters heißt. "Ein Lebensbuch hat bleibenden Charakter und hält Erinnerungen für die Nachwelt fest", verspricht die Firma. Bloß: Will die Nachwelt das eigentlich alles wissen? Oder geht es bei solchen Angeboten eher darum, die Selbstverwirklichungs-Sehnsucht des Auftraggebers zu Geld zu machen? Gestaltung, Druck und Veröffentlichung eines personalisierten Buches summieren sich schnell mal auf 15 000 Euro.

Etwas günstiger ist das Fotoshooting "Shades of You", nur für Frauen ab 18, bei dem sich die Teilnehmerinnen für 129,90 Euro im Sadomaso-Stil inszenieren lassen können - "mit Requisiten wie Kabelbinder, Bondage-Seil und Klebeband", wie das Programm verspricht. Gut, das ließe sich noch kostengünstiger im eigenen Werkzeugkeller erledigen, aber das wäre natürlich nur halb so glamourös. "Hängen Sie Ihr Hausfrauen-Outfit an den Nagel und begeistern Sie mit hammergeilen Fotos", wirbt der Veranstalter mit plumpen Worten. Im Vergleich zur Fototasse mit dem Bild der Familie darauf ist das Ergebnis vielleicht nicht überall vorzeigbar - aber dafür hat die Protagonistin mal eine "hammergeile" Rolle ausgetestet.

Künstlerin Sybille Hotz ist da etwas behutsamer und gründlicher, sie nimmt sich viel Zeit für gemeinsame Gespräche, bevor sie mit dem Nähen und Sticken anfängt. Hotz bringt die Erinnerungen in neue Zusammenhänge, macht sie zu Bildern und appliziert diese in Handarbeit auf eine Jacke. Das Ergebnis ist ein analoges Tagebuch, eine textile Timeline, die im Gegensatz zu Facebook-Erinnerungen getragen und vererbt werden kann. Wem das nicht genug ist an Selbstreflexion, der kann sich selbst als Statue erschaffen - diesen Service bietet eine deutsche 3-D-Drucker-Firma an. Grundlage sind digitale Fotos, die man auf der Internetseite des Anbieters hochlädt. Auf Wunsch kann man sich selbst im Stil von Michelangelos David, als Tischfußball-Figur, Monopoly-Spielfigur oder als Büste bestellen. Jeder ist ein Held.

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