Selbstdarsteller in der Modeszene Ah, Ruhm!

Aktuelles Lieblingsmotiv aller Streetstylefotografen: Anna Dello Russo.

(Foto: Getty Images)

Die Mode ist unter das Joch der Selbstdarsteller geraten: In der Modeprominenz werden heute vor allem jene gefeiert, die berühmt fürs Berühmtsein sind. Die britische Modekritikerin Suzy Menkes über die fatalsten Viren, die ihr Milieu verseucht haben: grassierende Profilierungssucht und galoppierende Stümperei.

Übersetzung: Rebecca Casati

Es gab mal eine Zeit, da glichen wir Modemenschen einem Schwarm Krähen. Immer wenn Saison war, versammelten wir uns vor abbruchreifen Häusern, uniformiert in Comme des Garçons oder Yohji Yamamoto. "Wer wird hier denn beerdigt?" flüsterten Passanten in einer Mischung aus flüchtiger Anteilnahme und morbider Neugier, während wir uns aufreihten, um eingelassen und wenig später Zeugen einer hippen Underground-Modenschau zu werden. So war das jedenfalls damals, in den Neunzigern.

Wenn heute Modewoche ist, versammeln sich vor den Veranstaltungsorten keine Krähen mehr; mittlerweile sind es Pfauen, die dort, in siebzehnfach gemusterten Kleidern posierend, auf und ab stolzieren.

Das große Idol: ein italienischer Kleiderständer

Spinnendünne Beinchen balancieren auf clubsandwichdicken Plateauschuhen, stecken in oberschenkelhohen Stiefeln, gucken unter Mantelskulpturen vor, auf denen überdimensionale Blumen blühen. Früher oder später verursacht eine Gruppe junger Japanerinnen einen Tumult. Sobald nämlich in der Pfauenparade ihr großes Idol auftaucht: der italienische Kleiderständer Anna Dello Russo, neuerdings selber Designerin und Moderedakteurin der japanischen Vogue.

Groß ist sie, dünn, gebräunt und durchtrainiert. Vor allem aber ist sie ein wandelndes Schaufenster für Designerkleidung. Je breiter ihr Gürtel, desto kürzer bauscht sich ihr Rock. Und je unerhörter ihre Schuhe aussehen, desto besser. Die Menge um sie herum twittert sofort wie verrückt: Was trägt sie? Hat sie sich seit der letzten Schau umgezogen? Wann wird sie endlich die Teile ihrer neuen Kollektion für H&M tragen? Und von wem hat bloß sie diese meterhohen Schuhe?!

Das Trara, das sich heute vor jeder großen Modenschau abspielt, scheint mittlerweile wichtiger zu sein als das, was drinnen, in den scharf bewachten Austragungsorten, gezeigt wird. Sich in Paris oder Mailand ohne Einladung in eine dieser Schauen zu schmuggeln, ist heute immer noch genauso schwierig wie in den 80er-Jahren, als leidenschaftliche Modejünger aus aller Welt sich so ruhig und unauffällig wie möglich in die Karawane der Eingeladenen einfädelten; in der Hoffnung, eines Tages vielleicht doch mal den Einlass passieren und eine Jean-Paul-Gaultier-Show live miterleben zu können.

Heute herrscht vor denselben Eingängen riesiges Geschiebe und Gemache, weil ein Wesen in Samtcape und Hotpants mal wieder alles gibt, um einer Aufmerksamkeits-Konkurrentin mit riesigen Blusenärmeln und superengen Hosen die Show zu stehlen.

In New York finden die Schauen im Lincoln Center statt, und dort kommt man mittlerweile kaum mehr die Treppen hoch. Auch die Wege in den Tuilerien, wo die Pariser Modewochenzelte stehen, sind viel zu eng geworden: Überall drängeln sich Fotografen, die Posierende ablichten. Kameras, die sich aggressiv auf Beute richten, kennt man seit den Ur-Paparazzi in Fellinis "La Dolce Vita". Allerdings werden die Subjekte von heute allzu gerne zu Objekten, die, statt sich jagen zu lassen, geradezu nach Aufmerksamkeit röcheln.

Ah, Ruhm! In der Arena der Modeprominenz werden heute vor allem jene gefeiert, die berühmt fürs Berühmtsein sind. Man kennt sie über Facebook-Seiten, Blogs oder weil Streetstyle-Fotograf Scott Schuman sie auf seiner Website The Sartorialist verewigt. Schuman, bekannt geworden als Fotograf "echter Leute", hat ganze Legionen von Nachahmern auf den Plan gerufen; so ähnlich wie die aufgemandelten Moderedakteure mehr und mehr in Konkurrenz getreten sind zu den aufgemandelten Bloggern.