Schönheits-Trend Deutschlands Promis hängen am Fläschchen

Damit kein Tropfen zurückbleibt, saugt Moderatorin Sylvie Meis ihre Dosis Hyaluron mit einem Strohhalm auf.

(Foto: regulatbeauty/instagram)

Mit einer täglichen Portion Hyaluron zum Trinken wollen Sylvie Meis und Co. schön und straff bleiben. Wundermittel oder bloß Augenwischerei?

Von Julia Rothhaas

Claudia Effenberg, Dirndl-Designerin, will es auf Instagram wissen: "Wer von euch hängt auch an der Flasche?" Da wären zum Beispiel Moderatorin Alexandra Polzin, die "schon seit zwei Jahren am Fläschchen" klebt, oder Schauspielerin Veronica Ferres, die ihren "kleinen Helfer" immer dabei hat. Sylvie Meis, niederländische Moderatorin, nennt es ihr "sexy secret" und Model/DJane Giulia Siegel ist sogar "süchtig nach dem Kick am Morgen".

Was verdammt nach Underberg und einem Kickstart in den Rausch klingt, ist allerdings ein Drink, der schön machen soll. Straffes Bindegewebe, weiche Haut, feste Nägel und strapazierfähige Haare - auf diese Wunschliste können sie sich alle einigen. Deswegen halten die Promis der Kategorie B und C das Fläschchen fleißig in die Kamera: am Strand, im Bett, am Set, am Badewannenrand. Mit perfekt manikürten Händen, leicht verklärtem Blick, der schönsten Fotoschnute. Die kleine braune Pulle wird in den sozialen Medien dabei so liebevoll geherzt, als handle es sich um ein Neugeborenes.

Ein ähnliches Prinzip wie beim Joghurt

Der Flaschengeist, der sie alle befallen hat, heißt "Regulatpro Hyaluron", eine Mischung aus Hyaluronsäure, Biotin, Kieselsäure, Zink, Kupfer, Vitamin C und dem ursprünglichen Produkt des Herstellers: der "Regulatessenz". Diese Enyzmflüssigkeit wird aus Bio-Früchten, Gemüse und Nüssen gewonnen und mithilfe der Kaskadenfermentation in acht Wochen hergestellt. Dafür werden die Zutaten mehrfach mit Milchsäurebakterien versetzt, aufgespalten und vergoren. Ein ähnliches Prinzip wirkt etwa bei der Herstellung von Sauerkraut, Kimchi oder Joghurt. Die Zutaten sollen das Immunsystem stärken, den Stoffwechsel regulieren, die Selbstheilungskräfte mobilisieren, die Zellen vor oxidativem Stress schützen und Entzündungswerte reduzieren.

Seit vielen Jahren ist die vegane Regulatessenz ein beliebtes Nahrungsergänzungsmittel, das vor allem der Heilpraktiker empfiehlt. Seit zweieinhalb Jahren aber steht das Mittelchen mit dem Schuss Hyaluronsäure auch in Hotel-Spas und Kosmetikstudios und macht auf Schickimicki. Im Promi-Stall Stanglwirt bei Kitzbühel werfen die Gäste ihren Kopf beherzt in den Nacken, um sich zwischendurch ein bisschen Schönheit einzuflößen, im Münchner Lokal Brenner gibt es das Gemisch sogar als "Hyaluron Spritz" mit Rosé-Wermut, Pfirsichlikör, Ginger Ale, Zitrone und Gurke.

Hergestellt wird die Flüssigkeit von einer Firma bei München mit 40 Mitarbeitern, Dr. Niedermaier Pharma. Dort in Hohenbrunn werden pro Tag inzwischen 40 000 Fläschchen abgefüllt, je 20 Milliliter, damit ausreichend Nachschub da ist für Daniela Katzenberger, Birgit Schrowange und Gitta Saxx. Wobei es auch eine Reihe männlicher Fans gibt, etwa den deutschen Rapper Kay One, der das Zeug in einem Privatjet auf Ex trinkt, oder TV-Makler Marcel Remus, der sich das Fläschchen für das Foto zwischen die Zähne klemmt.

"Mein Vater wäre sicher stolz", sagt Cordula Niedermaier-May, die Firmeninhaberin, und tippelt barfuß durch ihren Konferenzraum in ihr Büro. Die ehemalige Apothekerin hat das Unternehmen im Jahr 2000 von ihrem Vater übernommen, sein Porträt trohnt übergroß neben ihrem Schreibtisch. Ihren Erfolg hat er nicht mehr mitbekommen, seine Firma stand damals kurz vor dem Aus. Die Regulatessenz war sein Lebenswerk, der Lebensmittelchemiker und Apotheker tüftelte jahrzehntelang an der Rezeptur. Bis die Tochter versuchte, das Ruder doch noch rumzureißen. "Anfangs haben wir nur 30 Flaschen Essenz am Tag verkauft, mittlerweile liefern wir in fünfzig verschiedene Länder." Niedermaier-May lacht. Sie lacht sehr oft, und zwar so, dass auch nach einer Stunde Gespräch die Sorge bleibt, dass die zierliche Frau mit den roten Haaren beim nächsten Lacher zerbersten könnte.

Firmenchefin Niedermaier-May, 60, sagt, sie sei ihr bester Kunde.

(Foto: Dr. Niedermaier Pharma)

Aus dem einen Produkt ihres Vaters machte die 60-Jährige gleich eine ganze Palette ("Weil die Leute einfach nicht verstehen wollten, dass sie kein eigenes Mittel für jedes ihrer Zipperlein brauchen"). Seitdem gibt es die Essenz extra für Sportler, für Menschen mit Arthrose, für den Stoffwechsel, und seit fünf Jahren ist sie auch Bestandteil der eigenen Beauty-Linie mit Tonics und Cremes. Jüngster Nachkömmling: der Hyaluron-Drink. Zwanzig Flaschen für 70 Euro. "Das ist viel, aber am Tag auch nicht mehr als ein Kaffee to go." Man könnte wohl sagen, der Laden läuft.

Wirkt Hyaluron überhaupt, wenn man es trinkt?

Cordula Niedermaier-May würde zu gerne erzählen, was ihre Nahrungsergänzungsmittel angeblich alles können, aber sie darf nicht. Zu oft wurde sie schon abgemahnt - mit der heilenden Wirkung von Lebensmitteln zu werben, ist heikel. Eine EU-Verordnung gibt exakt vor, welche Angaben auf solchen Produkten stehen dürfen, nicht nur die Konkurrenz guckt genau hin. Deswegen lässt Niedermaier-May andere für sich sprechen, die Promis. Die versorgt sie mit kostenlosen Produkten, im Gegenzug wird eine Erwähnung auf Instagram erwartet. In Kosmetiksalons veranstaltet sie Beauty-Events, einmal im Jahr schmeißt sie eine Hyaluron-Party und lädt zum "Ladies New Year Dinner". Von Herbst an wird Sylvie Meis Markenbotschafterin, die Moderatorin hat knapp 850 000 Follower auf Instagram und zeigt sich dort überwiegend im Bikini. Ein Lehrstück über Marketing in Zeiten der sozialen Medien.

Und was bringt das jetzt, jenseits der Jubel-Arien von Ferres und Co.? "Hyaluron zum Trinken kann ich nicht empfehlen", sagt Christoph Liebich vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD). "Die Hyaluronsäure wirkt durchaus, wenn man sie in Gelenke oder in die Haut injiziert. Aber zur oralen Einnahme habe ich keine verlässlichen Studien gefunden." Schönheitschirurg Werner Mang hält den Drink sogar für "Augenwischerei".

Cordula Niedermaier-May kennt solche Aussagen, sie sind ihr egal. Schließlich sei auch sie Naturwissenschaftlerin, ihre Produkte hat sie deshalb in über 55 Studien auf ihre Wirksamkeit prüfen lassen. "Man mag mutmaßen, dass die Studien gekauft sind, weil wir selbst auf Institute wie Biotesys oder die Technische Universität München zugehen. Niemand sagt doch, wir möchten eure Produkte jetzt mal testen. Wir müssen schon selbst aktiv werden." Das seien alles seriöse Institute. Ihre Kritiker sieht sie kritisch, schließlich seien das alles Ärzte, die ihren Patienten Hyaluronsäure unter die Haut spritzen. "Wer 800 Euro pro Injektion verlangt, hört nicht gern, dass es auch anders geht." Klar altere man auch mit dem Drink, das sei halt so, aber eben schöner und langsamer.

Wie immer im Beauty-Bereich dürfte daher wohl gelten: Hauptsache, der Anwender ist glücklich. Wer sich mit oder ohne Hyaluron-Drink selbst ein bisschen schöner findet, hat schon gewonnen. Oder um es mit Rapper Kay One zu sagen: "Cheers!"

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