Samstagsküche zu 100 Jahre Scheurebe "Sauvignon Blanc für Fortgeschrittene"

Lese in einem Weinberg bei Forst: In der Pfalz und Rheinhessen liegen die Hauptanbaugebiete der Scheurebe.

(Foto: StockFood)

Kenner schätzen die deutsche Scheurebe. Sie wissen: Dass diese 100-jährige Züchtung von der französischen Mainstream-Traube Sauvignon Blanc verdrängt wird, hat sie nicht verdient.

Von Patrick Hemminger

Von selber wäre Daniel Wagner nie auf die Idee gekommen, Scheurebe anzubauen. Warum auch - der Winzer vom Weingut Wagner-Stempel aus Siefersheim in Rheinhessen ist erfolgreich genug mit einer anderen Traube, er ist bekannt für seine phänomenalen Rieslinge. Aber als er im Jahr 2005 einen Weinberg kaufte, standen dort neben Rieslingreben auch einige Scheureben.

"Und auf einmal hatte ich 1500 Liter Scheu im Keller", sagt Wagner. Der Winzer war bald überrascht, wie gut der Wein ihm gefiel: Das Ergebnis war überaus feinfruchtig mit eleganter Säure und dabei nicht zu kompliziert. Das war ein Wein, der alle Vorurteile Wagners widerlegte und richtig Spaß machte.

Also entschied sich der Winzer, weitere Parzellen mit alten Rebstöcken zu erwerben. Was nicht schwer war, weil andere Bauern es vor zehn Jahren gar nicht abwarten konnten, ihre Weinberge mit dieser Sorte loszuwerden, die kaum jemand mehr trinken wollte.

Scheurebe und Sauvignon Blanc nicht weit voneinander entfernt

"Damals haben alle damit begonnen, Sauvignon Blanc zu pflanzen, den aktuellen Modewein. Ich habe das auch ein bisschen gemacht, mich aber dagegen gesträubt, das im großen Stil zu betreiben. Warum neue Sauvignon-Reben einsetzen, wenn ich alte Scheureben bekommen kann", sagt Wagner, der Mitglied ist im Verein Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Alte Reben ergeben konzentriertere, an Aromen reichere Weine als junge.

Zudem ist die Scheurebe geschmacklich gar nicht so weit vom Sauvignon Blanc entfernt. Die Weine sind fast ausnahmslos im Stahltank ausgebaut, duften und schmecken also frisch und fruchtig. Schwarze Johannisbeere wechselt sich ab mit Noten von Grapefruit, Stachelbeere, Mandarine, Mango, Pfirsich oder reifer Birne. Die Scheurebe ist ein einfacher Wein im besten Sinne. Keiner, bei dem einem langweilig wird, aber auch keiner, den man nur mit Anleitung eines Sommeliers versteht. Trocken ausgebaut passt er beispielsweise hervorragend zu asiatischen Gerichten.

Das Imageproblem der Rebsorte

Trotzdem hat die Rebsorte ein Imageproblem, und das hat gleich mehrere Gründe. Früher wurde die Scheurebe meist als süße Spätlese ausgebaut. Dann kamen süße Weine aus der Mode, jedermann wollte plötzlich nur noch trocken trinken. Plötzlich galten Scheureben als ungenießbare Omaweine.

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Ein weiteres Problem der Rebsorte war der Glykolskandal Mitte der 80er-Jahre. Damals hatten österreichische Winzer Frostschutzmittel in ihre Weine gekippt, um sie süßer und vollmundiger schmecken zu lassen. Deutschland war indirekt davon betroffen. In rheinhessischen Großkellereien zum Beispiel wurden besonders viele Weine mit Tropfen aus dem Nachbarland verschnitten, der Name des Anbaugebiets war ruiniert. Das Ausmaß dieses Lebensmittelskandals ist bis heute legendär. Da in Rheinhessen die meisten deutschen Scheureben stehen (derzeit 740 Hektar, etwa die Hälfte des bundesdeutschen Bestandes), litt vor allem auch diese Sorte unter dem Skandal.

Inzwischen hat sich der Weinbau in Rheinhessen erholt. Doch die Zukunft der Scheu ist schwer zu beurteilen. Ihr Anteil an der Gesamtrebfläche in Deutschland beträgt nicht einmal 1,5 Prozent. Und ihre Anbaufläche nimmt weiter ab. Andererseits sind speziell in Rheinhessen in den vergangenen drei Jahren 160 Hektar gepflanzt worden. Es gibt also Winzer, die auf die Scheurebe setzen und das offenbar mit wachsender Begeisterung.

Wein oder Trinker: Wer muss sich anpassen?

Dass sich der Anbau in Rheinhessen konzentriert, ist kein Wunder. Schließlich stammt die Rebsorte von dort. Vor 100 Jahren, also 1916, wurde sie dort von Georg Julius Scheu gezüchtet. Der gelernte Gartenbautechniker war damals Leiter einiger rheinhessischer Rebschulen, ein Vor- und Querdenker beim Weinbau. "Wir müssen das anbauen, was der Weintrinker verlangt", schrieb er in einem Aufsatz.

Was heute selbstverständlich klingt, war damals revolutionär. Die Winzer waren stets der Meinung gewesen, die Kunden müssten sich eben an die sauren Weine gewöhnen. Daran, dass die Weine womöglich genießbarer werden und sich dem Trinkgeschmack anpassen müssten, verschwendeten sie in der Regel keinen Gedanken.