Retro-Trend Gefühl von Freiheit und Jugend

Sehnsucht nach alten Zeiten: Retro-Design nimmt die Angst vor Beschleunigung und erinnert an eine Zeit ohne Verpflichtungen und voller Möglichkeiten. Nostalgisch halten wir am Gestern fest - weil dadurch das Morgen erträglicher wird.

Von Oliver Herwig

Neulich im Elektrogroßhandel. Eigentlich begleitet mich meine Frau nicht mehr in solche Läden, doch da machte sie wohl eine Ausnahme. Plötzlich steht sie neben mir, ihre Augen leuchten. Und hält mir ein neues Handy vor die Nase. "Das ist ja so süß", haucht sie, "es erinnert mich an die Zeit, als wir zusammenzogen." Das Ding sieht wirklich aus wie ihr altes Motorola "Razr". Ist aber brandneu. Motorolas "Gleam" macht auf gutes, altes Klapptelefon. Ein Revival garantiert ohne GPS, Kamera und hochauflösendes Display. "Gleam" heißt der Klon, und er kann nur eins: telefonieren.

Unversehens stecken wir mitten in der nächsten Retrowelle. Die guten Dinge von gestern sind wieder da. Sie stürzen sich wie alte Freunde in unserer Leben, Freunde, die behaupten, nur mal kurz weggewesen zu sein, während man längst ein völlig anderes Leben führt. Telefone, Kameras (Fujifilm X10 und Olympus E-M5), Schmuck (1739 Royal Blossom Collection von Meissen Porzellan). Es gibt kaum etwas, das nicht auf alt getrimmt wurde.

Headsets besitzt jeder, antike Telefonhörer fallen auf

Wahrscheinlich haben wir das irgendwie Jonathan Ive zu verdanken, der mit seinen minimalistischen Computerskulpturen für Apple ganz ungeniert auf den deutschen Designer Dieter Rams zurückgriff und dessen Geräte für Braun, nun ja, kopierte. Angeblich habe Ive sogar einen iPod an sein großes Vorbild geschickt, mit einem Brief, in dem er erklärte, ein großer Bewunderer von Rams zu sein. Wer ein Braun T3 Transistorradio neben den ersten iPod stellt, wird feststellen, wie groß die Bewunderung war.

Stellen wir lieber erst einmal klar: Dinge, die heute niemand mehr herstellt, heißen Antiquitäten, nicht ganz so alte Sachen Vintage. Dinge, die nur vorgeben, von gestern zu sein, sind verlogen oder heißen Retro. Seit Lenny Kravitz aber mit einem 29,95-Dollar-Uralt-Telefonhörer durch SoHo stapfte, samt Kabel und iPhone, gewann Retro ganz beachtlich an Coolness. Headsets besitzt heute jeder. Antike Hörer aber fallen auf. Sie tun das, was früher Sticker und Aufkleber oder Kugelschreiberexzesse auf der Jeansjacke besorgten: Sie zeigen, dass da noch ein Mensch existiert hinter der ganzen hypermodernen Technik.

Retro ist ein Seelentröster

Retro nimmt die Angst vor der Beschleunigung, die Angst, nicht mehr mithalten zu können oder schon mit 40 zu alt zu sein für diese Welt. Retro ist ein Seelentröster. So, nur so, ist zu erklären, dass ganze Fernsprecher im Nostalgielook auftauchen, mit Wählscheibe, Kabel und Bedienungsanleitung. Da wäre etwa das "Swissvoice Vintage 20" zu nennen, ein, wie der Anbieter verkündet, schnurgebundenes Analog-Telefon "im stilvollen Retro-Design mit vergoldeten Details", wobei die Wählscheibe leider nicht mehr darstellt als eine optische Verbeugung vor Zeiten, in denen die Deutsche Bundespost auf Telefonzellen mahnte: "Fasse dich kurz." Gewählt wird beim "Swissvoice Vintage 20" mit Drucktasten oder Wahlwiederholungstaste.

Und während Dinge auf alt machen, kommen sich ihre Käufer umso jünger vor. Denn Retro ist vor allem ein Gefühl. Ein Gefühl von Freiheit, von Jugend. Eine Erinnerung an eine Zeit ohne Kinder, ohne Verpflichtungen und ohne Bausparvertrag, den man nun lebenslang abzahlen muss. Alles ist möglich, und dieses Gefühl holt man sich zurück für kleines Geld. Nostalgie verspricht ein gutes Geschäft für Branchen, die Innovationen sonst gerne mit technischen Steroiden verwechseln, mit mehr Speicherplatz, größerer Übertragungsgeschwindigkeit und leuchtenderem Display. Ganz vorne marschiert ausgerechnet die Telekommunikationsbranche, die sonst Innovationen im Minutentakt feiert. Neuerdings gibt es auch fürs iPhone Rettung: Die App "Vintage Camera" lässt Retro-Farben auf dem Display aufleuchten, dazu Staub und Kratzer wie auf alten 8-mm-Filmen. Ein Effekt nur, aber wirkungsvoll.

Automobil als erstes Schlachtfeld der Retromania

Retro-Design ist keine Erfindung von heute. Das Automobil war das erste und bis heute bedeutendste Schlachtfeld der Retromania. Da es sich von seinem Vorgänger, der Kutsche, nicht lösen konnte, entstand so etwas wie eine Motorkutsche, in der wir heute noch rumkurven. Da ist es nur konsequent, dass immer wieder Klassiker der Designgeschichte auftauchen wie Vampire. Der New Beetle von VW ist so eine Erscheinung, oder Chryslers PT Cruiser. Reine Marketingfahrzeuge. Mit Design haben sie wenig zu tun. Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, sieht das völlig entspannt: "Die Bezugnahme auf frühere Stile ist seit jeher ein Grundprinzip gestalterischer Fortentwicklung", erklärt er in einem Fachlexikon zum Thema "Retro". Stimmt.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es das schon einmal. Kein Stil wollte mehr passen zur rasant fortschreitenden Technik, die Dampfmaschinen erfand und Bahnhöfe groß wie Kathedralen. Also klebten Architekten alle bekannten Stile auf die Fassaden, während sich im Inneren das Neue entfaltete. Inzwischen geht Retro über den bloßen Rückgriff auf die Designgeschichte hinaus. Retro lässt uns das Morgen umarmen, weil wir das Gestern sicher in der Hand zu halten glauben. Retro ist ein permanenter Begleiter. Er muss es sein.

Während die sogenannten Innovationszyklen der Moderne immer fixer ablaufen, holt uns auch Retro immer schneller ein. Wurden erst die siebziger und achtziger Jahre stylemäßig aufgearbeitet, hat man inzwischen das Gefühl, dass die Klamotten von gestern, diejenigen also, die man gerade erst aussortierte, morgen wieder wahnsinnig angesagt sein könnten. Dann wären wir wieder bei uns selbst gelandet, was ja nicht das Schlechte sein muss.

Am Ende habe ich meiner Frau das "Gleam" gekauft. Sie hatte zwar nicht Geburtstag und hätte es sich leicht selbst leisten können. Aber es ist unbezahlbar, sie glücklich zu sehen. Und das fühlte sich nicht an wie Retro. Sondern wie Gegenwart. Ganz real.