Restaurantführer Gault&Millau Einmal FKK und als Dessert die Peep-Show, bitte

Als Peter Maria Schnurr nach Leipzig ging, zeigten ihm viele einen Vogel. Jetzt hat der Gault&Millau ihn zum "Koch des Jahres" gekürt.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Der aktuelle Gault&Millau wählt Peter Maria Schnurr zum "Koch des Jahres" - obwohl seine Gerichte recht eigenwillige Namen haben.

Von Marten Rolff

Der November ist für deutsche Spitzenköche traditionell der wichtigste Monat des Jahres. In der ersten Monatshälfte erscheinen die beiden großen Gastroführer, Guide Michelin und Gault&Millau, und ihr Urteil entscheidet immer noch maßgeblich mit über die Karrieren in den besten Küchen des Landes. Allerdings muss man einschränken, dass das große Diktum des Spätherbstes inzwischen etwas weniger bang erwartet wird als noch zu Anfangszeiten des deutschen Küchenwunders. Damals wurde noch jede Haube, jeder Punkt und jeder Stern, den die Restaurantkritik auf die Konten deutscher Köche häufelte, als Frage des nationalen Prestiges verhandelt.

Mittlerweile aber gibt es etwa 300 Topchefs im Land, der Überblick geht da fast ein wenig verloren, und die frühere Aufregung weicht immer mehr einer professionellen Gelassenheit. Darüber hinaus haben Blogger, Gastro-Ranglisten und inflationäre Bewertungsportale der klassischen Restaurantkritik zu schaffen gemacht. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist also - für Spitzenköche wie für ihre Bewerter gleichermaßen - deutlich härter geworden.

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Den Anfang macht in diesem Jahr der Gault&Millau, der an diesem Dienstag erscheint. Und insgesamt kommt er zu einem freundlichen Urteil: Die Spitzengastronomie entwickle sich in Deutschland weiterhin sehr gut, die Avantgarde des Landes koche auf einem erfreulichen Niveau. Wenn deutsche Spitzenköche immer selbstbewusster geworden sind, dann hat das erwartungsgemäß aber Vor- und Nachteile. Denn während sie an der einen Stelle mutig Maßstäbe setzen, drohen sie sich an anderer Stelle gerade zu verkünsteln.

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Doch die positive Entwicklung zuerst: Die ist nach Meinung der Restaurantkritik vor allem in der ostdeutschen Gastronomie zu erkennen. Auch der Gault&Millau hat das 25-jährige Jubiläum der deutschen Einheit als Anlass für eine Bestandsaufnahme genutzt. Die Zeit, als der Osten Deutschlands "als kulinarische Diaspora galt, ist endgültig vorbei", lautet das Urteil. Flächendeckend vertreten sei die gehobene Küche zwar noch nicht, als Zentren der ostdeutschen Spitzengastronomie machen die Kritiker die sächsischen Großstädte Leipzig und Dresden sowie die touristenverwöhnten Bäder an der Ostseeküste aus.

Doch auch andere Regionen überraschen, wie etwa die einsame Feldberger Seenlandschaft, wo mit der "Alten Schule" in Fürstenhagen (17 von 20 Punkten) inzwischen eines der am besten bewerteten Restaurants Ostdeutschlands liegt. Oder das Erzgebirge, wo Benjamin Unger das Restaurant "St. Andreas" im Hotel seiner Familie in Aue zu einer der gefragtesten Gourmetadressen des Landes gemacht hat. Ebenfalls erfreulich sei, dass auch die Qualität ostdeutscher Produzenten ständig zunehme, so der Gault&Millau. Sächsischer Käse sei da ebenso zu nennen wie Fisch oder Wild aus Brandenburg.