Restaurantführer "Gault Millau" Jeder fünfte "Topkoch" arbeitet in Baden-Württemberg

Natürlich wurden von den im Buch behandelten 1040 Restaurants wie immer einige ab- und andere aufgewertet. Jeweils 124-mal beförderten die Tester eines der ihnen anvertrauten Lokale um einen Punkt nach oben oder nach unten. An der Spitze gab es allenfalls Verschiebungen um halbe Punkte, die an der Gesamtgewichtung nichts ändern. Interessanter sind da die teilweise deutlichen Unterschiede, die sich bei der Bewertung zwischen den konkurrierenden Führern auftun. So führt Gault Millau den Berliner Szene-Star Tim Raue seit Jahren in der 19-Punkte-Kategorie, in der auch einige Drei-Sterne-Köche ihren Stammplatz haben; bei Michelin aber ist Raue erst in diesem Jahr mit einem zweiten Stern bedacht worden.

Besonders stolz ist man bei Gault Millau auf die Pokale, die jedes Jahr vergeben werden. Diese Sondernominierungen sagen über die Fortschritte auf den angesprochenen Gebieten freilich wenig aus, da sie meist an längst bewährte Größen vergeben werden. So geht die Auszeichnung "Sommelier des Jahres" wieder einmal an eines der Spitzenrestaurants, in denen gehobene Weinkultur eigentlich selbstverständlich sein sollte. Sehr viel interessanter lesen sich da die rühmenden Worte, mit denen die gebürtige Südkoreanerin Sarah Henke vom Restaurant "Spices" in List auf Sylt als "Aufsteigerin des Jahres" und Oliver Röder von "Bembergs Häuschen" in Euskirchen (Eifel) als "Entdeckung des Jahres" gefeiert werden.

91 ausgezeichnete Restaurants im Osten Deutschlands

Erfreulich ist auch, dass die Tester von Gault Millau in den neuen Bundesländern, also in der kulinarischen Diaspora Deutschlands, intensiv auf Suche gehen. Inzwischen haben sie dort 91 Restaurants aufgespürt, die in ihren Klassen hoch zu loben sind. Sieht man von den Großstädten Leipzig und Dresden ab, sind die besten Lokale in Weimar, in Heiligendamm, in Göhren auf Rügen, in Rostock-Warnemünde, in Burg im Spreewald und in Aue im Erzgebirge zu finden.

Von den 115 deutschen "Topköchen", die zwischen 18 und 19,5 Punkte erreicht haben, arbeiten 24 (also jeder fünfte) in Baden-Württemberg, 18 in NRW, zwölf in Berlin und nur elf im größten und angeblich reichsten Bundesland Bayern. Angesichts dieser ernüchternden Feststellung dürfte die Nachricht, dass der umtriebige Münchner Gastronom Michael Käfer zum "Restaurateur des Jahres" erklärt worden ist, die Gourmets in München und Bayern kaum trösten. Umso lieber gibt man bekannt, dass Denis Feix vom "Il Giardino" in Bad Griesbach in die edle 18-Punkte -Kategorie befördert worden ist, und dass Christian Jürgens von der "Überfahrt" in Rottach-Egern, der "Weltoffenheit vorbildlich mit Heimischem" verschmilzt, zum "Koch des Jahres" ernannt worden ist. Mit seinem für die neue Rubrik "Mein kreativstes Gericht" komponierten Speckbrot - kross getoastetes Wurzelbrot wird in Pilzsauce getunkt und mit Speck belegt - lässt Jürgens seine Kollegen, die routinemäßig mit Hummer, Gänseleber, US-Prime-Beef, Langustinen und Kaviar prunken, blass aussehen.

Gourmets, die gerne das aktuelle Treiben auf dem kulinarischen Sektor verfolgen, werden auch die erstmals in den Gault Millau aufgenommenen, anregend kritisch geschriebenen Kolumnen zu aktuellen Trends und modischen Entgleisungen als Bereicherung empfinden. Und auch dass im Anhang 50 Restaurants und Hotels in Südtirol vorgestellt werden, kann man durchaus als Gewinn verbuchen.