Restaurantbesuch Spießrutenlauf zum Katzentisch

Freie Plätze - und doch bleibt Gast wartend stehen.(Symbolbild)

(Foto: Florian Peljak)

In vielen Lokalen darf sich der Gast seinen Tisch nicht mehr selbst aussuchen. Unsere Autorin ist es leid, im Windfang zu stehen und darauf zu warten, dass jemand ihr Anliegen prüft.

Von Violetta Simon

Ich habe einen Traum: Meine Begleitung und ich betreten ein Lokal, werden vom Wirt mit einer freundlichen Geste begrüßt. Ein Kellner zeigt uns, wo wir unsere Jacken aufhängen können und sagt dann: "Suchen Sie sich schon mal einen Platz aus, ich komme gleich zu ihnen". Also suchen wir uns einen freien Tisch. Einen, an dem wir gerne sitzen, der zu unserer Stimmung oder zum Anlass passt. Einen, der nicht unnötig groß ist, natürlich. Oder wir fragen jemanden, ob wir uns dazusetzen dürfen. Die Tische, auf denen ein Reserviert-Schild steht, sind wirklich reserviert. Die anderen stehen zur Verfügung. Wie gesagt, es handelt sich um einen Traum - sowas wird man ja noch haben dürfen.

In Wirklichkeit werden wir von einem geschäftig wirkenden Begrüßungs-Kasper abgefangen. Ich fühle mich ertappt, als hätten wir versucht, uns am Personal vorbeizuschleichen und uns einen Platz zu sichern wie zwei ungehobelte Liegestuhlbesetzer. Er fragt uns "Zuwievielt, Hammsiereserviert?". Wir sehen uns an, zählen kurz durch, antworten "zu zweit" und "leider nicht" und werden daraufhin zum Warten aufgefordert.

Die Nötigung der Durstigen

Leitungswasser? Auf diese Bestellung reagieren Gastronomen meist verschnupft. Sie servieren lieber stilles Mineralwasser zu teils absurden Preisen. Der Gast schluckt - und zahlt. Warum eigentlich? Von Violetta Simon mehr ...

In diesem Lokal herrscht das "Wait to be seated"-Gesetz. Das Passiv ist wörtlich zu nehmen: Hier setzt sich der Gast nicht, er wird gesetzt. Die nächsten acht Minuten stehen wir in einem zugigen Windfang herum wie Bittsteller, die darauf warten, dass jemand Zeit hat, ihr Anliegen zu prüfen. Essende Menschen sehen geflissentlich an uns vorbei, während sie auf ihrer Bruschetta herumkauen und an einem Glas Wein nippen. Die haben es bereits hinter sich.

Doch Erlösung naht: Per Wink erhalten wir die Erlaubnis, näherzutreten und hinter einem Kellner herzudackeln. Als kleine Polonaise laufen wir an einer Reihe eng aneinander stehender Zweier-Tische vorbei. Die Anordnung lässt vermuten, dass heute noch ein Gruppen-Speed-Dating geplant ist. Das würde zumindest erklären, warum jeder von ihnen reserviert ist. In Wirklichkeit sollen die Schildchen unerwünschte Apfelschorletrinker und andere Umsatzschädlinge fernhalten.

Offensichtlich hat der Kellner einen passenden Platz gefunden, an dem wir seiner Kosten-Nutzen-Bilanz möglichst wenig schaden - direkt am Durchgang, zwischen Küche und Klo. Ich erhebe Einspruch und verweise auf die leeren Tische. "Da muss ich erst nachsehen", sagt er und verschwindet. Wieder stehen wir herum, diesmal mittendrin. Der Blick meines Begleiters sagt "Musste das sein?". Doch ich sehe nicht ein, welchen Sinn es hat, auswärts essen zu gehen, wenn man dazu an einem Katzentisch sitzen muss, den man sich selbst nie ausgesucht hätte. Eine Wohnung, für die ich Miete zahle, wird mir ja auch nicht einfach zugewiesen.

Vielleicht sollten wir den Kellner mit der Frage nach einem Rabatt erschrecken - und ihn damit in seinem Vorurteil bestätigen. Doch was würde das bringen? Ich will weder feilschen noch zanken. Ich will nur schön sitzen und gut essen. Und mit "schön" meine ich nicht den objektiv besten Platz. Sondern den einen, an dem ich mich wohl fühle. Einer sitzt gern am Fenster und beobachtet das Treiben vor dem Lokal, andere lieber an der Bar, weil sie ein Gespräch mit dem Barkeeper schätzen. Nur direkt vor dem Klo, der Küche oder der Kasse möchte niemand, wirklich niemand sitzen. Solche Plätze sollte man abschaffen, statt Gäste zu nötigen, sie zu besetzen.

Der Kellner kehrt zurück mit der Information, dass wir einen der anderen Tische haben könnten - allerdings nur bis 21 Uhr. Der Gast ist König? Nie war ich weiter von der Monarchie entfernt. Ich halte Kellner keineswegs für Diener. Allerdings frage ich mich, wofür uns dieser Kellner hält: für Störenfriede? Auf jeden Fall für Menschen, die möglichst viel Umsatz und wenig Umstände machen sollen. Nur - warum heißt es dann Gastronomie und nicht Wirtronomie? Wikipedia kennt die Antwort: Weil der Begriff Gastronomie nichts mit Gastfreundschaft zu tun hat. Sondern sich mit der Verköstigung zahlender Gäste befasst - eine Dienstleistung also.

Ich finde es unangebracht, von einem Kellner Platzanweisungen entgegenzunehmen. Warum sollte ich mich in meinem Vorhaben, einen entspannten Abend zu verbringen, bevormunden lassen? Ich habe auch keine Lust, ein Casting zu durchlaufen und mir das Recht auf einen besonders schönen Platz zu erlabern, indem ich beiläufig erwähne, dass ich das Vier-Gänge-Menü essen werde und dass er schon mal eine Flasche Taittinger kalt stellen kann.

Wenn ich die Wahl habe zwischen "Wait to be seated" und "Wirtshaus sucht den Supergast", entscheide ich mich lieber für keins von beiden. Und esse zuhause.

Das Volk der Selbsthinsetzer

Schnell, bevor ein anderer kommt! Im Restaurant suchen Deutsche in der Regel selbst nach freien Plätzen. Über eine Unsitte, die langsam verschwindet. Von Max Scharnigg mehr...