Neues Gestell von Ex-Bundespräsident Wulff Brille: Biedermann

Neue Brille, neuer Mann? Christian Wulff überrascht nach seiner Befreiung aus dem starren Protokoll Bellevues mit einem auffälligen Designermodell auf der Nase. Offenbart der Ex-Bundespräsident damit seine wahre Persönlichkeit als modischer Renegade? Oder ist das vermeintlich gewagte Gestell Ausdruck innerer Gewöhnlichkeit?

Eine Stilkritik von Lena Jakat

Frauen gehen nach einer Trennung zum Frisör, Männer legen sich eine neue Brille zu. Das soll zeigen: Seht her, hier bin ich und starte frischen Mutes und strotzend vor Selbstvertrauen in meinen neuen Lebensabschnitt. In diesem Fall hat sich der betreffende Mann kürzlich nicht von seiner attraktiven Gattin, sondern von dem attraktiven Amt des Bundespräsidenten getrennt, notgedrungen. Doch was will er mit seinem neuen Gestell signalisieren?

Christian und Bettina Wulff beim Ascot-Renntag auf der Galopprennbahn Langenhagen: eine Neue zum neuen Lebensabschnitt. Brille, natürlich.

(Foto: dapd)

Die randlose Brille des braven Bundespräsidenten Christian Wulff ist - wie jetzt auf der Galopprennbahn Langenhagen zu beobachten - einem deutlich mutigeren Modell gewichen. Kantig und kontrastreich. So ein Statement sah man zuletzt bei CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, als der als Poltergeist berüchtigte Konservative zur Woody-Allen-Brille mit intellektueller Anmutung griff. Dobrindt wollte mit dem Wechsel womöglich sein Image polieren, sich ein neues Kostüm für die politische Bühne zulegen. Wulffs Neue hingegen würde auch gut auf die Nase eines Mode- oder Medienmenschen passen.

Ein versteckter Hinweis auf die Zukunft des Ex-Präsidenten vielleicht? Plant er am Ende gar die Rückkehr nach Berlin, ins hippe Kreuzkölln, um dort in einer Werbeagentur/Medienberatung/sozialverträglichen Handelsfirma anzuheuern? In einem Büro, wo das Mobiliar schwedisch ist und die Damen Pony tragen? Zurück in die große Stadt, wo Latte macchiato und SUV-Kolonnen fließen, dahin, wo Söhnchen Linus sich den Spielplatz mit vielen Jungen desselben Namens teilen kann, weit weg vom vermaledeiten Eigenheim in Großburgwedel?

Oder ist die Brille die optische Konsequenz eines Befreiungsschlags? Präsentiert Christian Wulff, befreit aus dem Korsett des Protokolls von Bellevue, endlich sein wahres Ich? Der Ex-Bundespräsident als modemutiger Mann von Welt, ein heimlicher Renegade? In einem solchen Fall dürften sich die Klatschbätter und deren Leser vielleicht schon bald auf einen Christian Wulff in rosa Chinos und Shirt mit tiefem V-Ausschnitt freuen. Vielleicht am Ende noch gar auf einen Vollbart.

Einen Vorteil hätte es, würde Wulff sein modisches Coming-out voll durchziehen: Erkennen würde ihn dann wohl niemand mehr. Unbehelligt von den unschönen Kapiteln seiner jüngeren Vergangenheit könnte er mühelos abtauchen im Großstadtmeer der Pseudo-Individualisten.

Vielleicht ist alles aber auch ganz anders und der Durchblick hatte wieder einmal so stark nachgelassen, dass eine neue Brille fällig war. Beim Optiker gab er dann dem Drängen (Der Verkäuferin? Seiner Gattin? Oder doch seiner eigenen inneren Stimme?) nach und griff zum Designermodell: "Das trägt man heute so."

Damit wäre die Brille das Großburgwedeler Einfamilienhaus für die Nase: ziemlich spießig.