Neue Kollektion des Joop-Labels Wunderkind Chirurgie aus Preußen

Den Kleidern schlägt unbedingte Sympathie entgegen, noch bevor das Defilee begonnen hat. Bei der Präsentation der jüngsten Wunderkind-Kollektion in Potsdam sind die Gäste aufgeregter als Designer Wolfgang Joop selbst. Modejournalisten und Einkäufer wollen, dass das Experiment "Couture made in Germany" gelingt. Das Urteil nach der Show? "Very Wolfgang".

Von Tanja Rest, Potsdam

Sollte der zweite Anlauf missraten, das weiß man seit diesem Besuch in Potsdam, so geht Wunderkind wenigstens nobel zugrunde. Erst treffen sich die etwa 50 handverlesenen Gäste in Joops Villa Rumpf (holländischer Neobarock, 739 Quadratmeter, Uferlage Heiligensee), danach spaziert man ein paar Schritte hinüber zum Lunch in Joops Villa Wunderkind (italienische Renaissance, noch mehr Quadratmeter, Uferlage Heiligensee mit Blick aufs Marmorpalais).

Es sind Orte von so üppiger Schönheit und kontemplativer Ruhe, dass man ihnen wohl zwangsläufig etwas Schräges, solide Abgefahrenes entgegensetzen muss. Nur billig darf es bitte nicht sein.

"Sauvage" heißt Joops Comeback-Kollektion. Schon bevor das deutsche Topmodel Iris Strubegger die Treppe herabsteigt und die gewundenen Holzsäulen passiert, schlägt den Kleidern unbedingte Sympathie entgegen. Die Chefredakteurinnen, Einkäuferinnen, Modejournalisten: Sie hoffen ja, dass dieses Experiment doch gelingt. Couture made in Germany - wer außer Joop wagt das noch?

Wenn Preußen mit dem Orient anbandelt

Dabei hätte es das Wohlwollen gar nicht gebraucht. Die neue Wunderkind-Kollektion mag fokussierter, strenger, weniger verspielt sein als sonst. Aber sie ist ganz bestimmt nicht kleinlaut. Raubtieraugen starren aus Leo-Prints, auf schwarzen Jacken funkeln Märchen-Orden, Fransenroben und Hängekleidchen mit hochgenommenen Säumen werden kombiniert zu groben Lederjacken und Patchwork-Mänteln; an den Hälsen: bunt umhäkelte Kugeln. Wie um das Ganze zu erden, flanieren auch ein paar klassisch-elegante Kostüme und Hosenanzüge vorbei.

Preußen hat diesmal also mit dem Orient angebandelt, das Ergebnis ist entsprechend: optisch opulent, handwerklich perfekt, phantastisch teuer.

Schwer zu sagen, wer hinterher erleichterter ist, der Designer oder sein Publikum. Donnernder und irgendwie gerührter Applaus, als Joop erscheint und Stuhl für Stuhl die komplette Front Row abbusselt. "Die Kleider sind nicht mit der Schere, sondern mit dem Messer des Chirurgen geschnitten", führt er aus, während Nadja Auermann noch an seinem Hals hängt. Später beim Lunch heißt es überall, das sei mal wieder "very Wolfgang" gewesen. Was dann wohl ein Kompliment ist.