Modewochen im Schlabberlook Bleibt locker, Leute!

Model bei der Modewoche in Kopenhagen.

(Foto: dpa)

Zeltgroße Jogginghosen, bedruckte Sweatshirts, Strick: Der Modewochenmarathon hat begonnen und das sonst so piekfeine Publikum läuft in Turnschuhen und Jogginganzügen auf. Was ist da passiert?

Von Marlene Sørensen

Es fing alles in Kopenhagen an, der Stadt, in der "hygge" - die Gemütlichkeit - zu Hause ist. Es war ein schöner Spätsommertag im vergangenen August, eine große Streetwearmarke gab eine Gartenparty anlässlich der Kopenhagen Fashion Week, und überall auf dem Rasen verteilten sich anmutige Geschöpfe. Zuerst einmal kein so überraschender Anblick, schließlich sind die Modewochen bekannt für ihr schönes Publikum. Dann aber wanderte der Blick nach unten.

Und die schönen Beine dieser schönen Frauen steckten - nein, nicht in den üblichen Plateausandalen, sondern - in futuristischen Hightech-Turnschuhen, die diese Frauen zu winzigen Kleidern und auf den Schultern balancierten Baseballjacken kombinierten. Wer seine eigenen Pumps bis dahin für todschick gehalten hatte, wollte nur noch im Boden versinken.

In diesen Tagen ist wieder Modewoche in Kopenhagen. Und seit der vorigen Fashion Week ist Folgendes passiert: Die Laufschuhe, genauer gesagt die Modelle New Balance Air Vortex und Nike Free Run, sind in einem Affentempo um die Welt gesprintet, und werden längst nicht nur in Kopenhagen, sondern auch in Berlin, New York und anderen wichtigen Modestädten getragen. Und je mehr man von ihnen sieht, desto lässiger werden die Outfits, die sie begleiten.

In diesem Jahr wird der Modewochenmarathon bestritten, wie man das nicht für möglich gehalten hätte - in zeltgroßen Jogginghosen, bedruckten Sweatshirts, Strick in allen Formen und Farben, mit funktionalen Accessoires. Die britische Vogue war es, die den Trend vor einigen Wochen offiziell ausrief: "Haute Casual" - Lässigkeit auf hohem Niveau.

Versöhnung mit dem Feind

Das Revolutionäre daran? Es ist nicht irgendein Trend. Eher ist es die Versöhnung mit dem Todfeind. In den innersten Mode-Kreisen war Casualmode ähnlich verhasst wie Spaghetti Bolognese und zu viel Freundlichkeit. Quäl-Highheels waren das, was die Modeleute vom Fußvolk unterschied.

Carine Roitfeld äußerte sich 2011 in einem Interview mit der New York Times über Mädchen in Jogginghosen so: Wenn sie sie sehe, denke sie "oh, wie sie sich kleidet, ist vielleicht ein wenig zu komfortabel. Und das ist nicht nett gemeint." Oberste Mode-Maxime war, über Jahre: Wenn es nicht wehtut, ist es nicht schick genug.

Jogginghosen und Turnbeutel

Aber Carine Roitfeld ist nicht mehr die Chefin der mächtigen französischen Vogue. Und die Fotografen konnten wohl irgendwann nicht länger mit ansehen, wie sich die Damen mit ihren Pfennigabsätzen auf Kieswegen den Fuß verknacksen. Auch die Bilder solcher halsbrecherischer Schuhe verkauften sich plötzlich nicht mehr gut, denn was Modemagazine weltweit haben wollten, war der echte Streetstyle-Look.

Also: Leute auf der Straße, in Mode, die auf dem Boden geblieben ist. Bequeme Sportschuhe. Bequeme Parkas. Und die hippste Hose derzeit sieht aus wie eine minimalistische Version der Adidas-Jogginghose. Dazu passen weiße T-Shirts, wie von A.O. cms oder The White Briefs aus Schweden, aus schlichter Naturbaumwolle. Und die Tasche, die man in Berlin und Kopenhagen momentan ständig sieht, ist ein kaugummibunter Stoffkasten von Fjällräven - ein Rucksack, der in den späten Achtzigern nicht wenigen Schulkindern als Turnbeutel diente.