"Love, Adorned" in New York Im Gemischtwarenladen Hollywoods

Modefotograf Terry Richardson war es, der den Laden entdeckte - dann kamen Vogue-Redakteurinnen und die Stars.

Bei Lori Leven kaufen modebewusste Japanerinnen ein, Scarlett Johansson oder Justin Timberlake. Ihr Gemischtwarenladen für exzentrischen Krimskrams ist in New York längst zum Mekka geworden. Nur einmal stand Leven sprachlos vor einem Kunden.

Von Nils Binnberg

Für gewöhnlich ist Lori Leven nicht sehr starstruck. So sagt man, wenn man bei Erblicken eines Prominenten mit Atemnot und roten Flecken am Hals reagiert. Als die US-Schauspielerin Jessica Biel kürzlich ihren Gatten, den Popsänger Justin Timberlake, in Levens Shop mitbrachte, musste ihre Assistentin ihr zuflüstern, wer das überhaupt ist. Und auch Biels hochkarätige Kolleginnen Julienne Moore, Rachel Weisz oder Scarlett Johansson bringen Leven nicht aus der Ruhe, wenn sie sie bitten, ihnen doch bitte diesen Ring mit Turmalinquarz aus der Vitrine zu holen. Leven kennt sie einfach nicht. Nur bei Thom Yorke wurde sie nervös, Mitglied der britischen Band Radiohead. Eigentlich hatte sie ihm so viel zu sagen, als er plötzlich in ihrem Laden stand. Dass seine Musik der ideale Soundtrack für ihr Leben ist!! Dass sie ihn für ein Genie hält!!! Doch aus ihrem Mund kommt einfach nur nichts.

Vielleicht hat sich Lori Leven genau mit dieser Unbeeindruckbarkeit Respekt verschafft. Oder es ist doch nur die wirklich unglaubliche Auswahl, die ihren Shop "Love Adorned" im New Yorker Viertel NoLita zu dem Gemischtwarenladen Hollywoods macht. Und Leven spielt die Rolle der neuzeitlichen Krämerin. Das lange schwarz gefärbte Haar trägt sie offen über eine Schulter gelegt, die Arme sind fast vollständig mit japanischen Tattoos bedeckt, an der Nase funkelt ein kleiner Diamantstecker. Heute trägt sie Schwarz und eine feingliedrige Kette mit einem Anhänger in Form eines Gewehrs. Sie drückt sich an ihre zottelige Affenpinscherhündin Bird.

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Für sie sind Berühmtheiten Kunden wie alle anderen, für ihre Kunden allerdings ist Leven selber mittlerweile eine Art Star. Zwei New Yorker Mädchen im Kenzo-Komplettlook schleichen an dem viktorianischen Plüschsofa vorbei, auf dem Leven sitzt und flüstern sich kichernd etwas zu. In dem langgezogenen Store, der aussieht wie ein übergroßes Gewächshaus, geht es zu, als wäre gerade Schlussverkauf. Im Sekundentakt öffnet sich die riesige Glastür und fliegt ein lockeres "Hey, how are you" in Richtung Elizabeth Street. Herein kommen: japanische Touristen mit Tüten des unverschämt hippen New Yorker Skaterlabels Supreme, Manhattans Kreativadel und eben Modemädchen, die sich andächtig durch ein Labyrinth aus antiken Glasvitrinen, alten Apfelkästen und ausrangierten Holzleitern schieben.

Sie alle wollen den einen, ja den für sie bestimmten Talisman finden oder eben einen Ring, der aussieht, als habe man ihn von der mondänen verschrobenen Großtante mütterlicherseits geerbt, die in einem solch verwilderten Anwesen lebt wie Ms. Nora Dinsmoor in der Dickens-Verfilmung "Große Erwartungen" . . . Aber zurück: In der Luft liegt der staubige Geruch von Myrrhe, von der Decke hängen Kakteen in Tontöpfen. Belanglose Rockmusik wird von einem japanischen Windspiel unterbrochen. Seit junge, moderne, hochdigitalisierte Großstädter sich zunehmend für Esoterik begeistern, für Kräutertinkturen aus dem 18. Jahrhundert und Tarotkurse, bedarf es des richtigen Beiwerks, dem mehr Zauber innewohnt als dem Zeugs bei Zara Home.

Phantasie zu verkaufen

Doch was bei Love, Adorned aussieht wie spontan zusammengewürfelt, wurde in Wahrheit sorgfältig kuratiert. Der bunt bemalte Holzlöwe auf dem obersten Brett des Bücherregals? Stammt von einem antiken Kinderkarussell aus Indien. Die alte Birke im Eingangsbereich? Ist ein Relikt von einem Tropensturm, der den Baum vor zwei Jahren durch die Glasdecke befördert hat. Lori Leven hat in ihrem Leben vielleicht nie eine Business-Schule besucht, eigentlich hat sie überhaupt keine Ausbildung. Aber was man hier sieht, bringt jeden Marketing-Manager zum Staunen.

Wild gemusterte Schals aus Wollkrepp hängen so hoch an einem Reck, dass kein Mensch den Hauch einer Chance hat, sich die Teile aus der Nähe anzusehen. Trotzdem sind sie Bestseller. Eine Kette, die so viel wie ein Neuwagen der Mittelklasse kostet, liegt unspektakulär in einer Schublade neben einem Schreibset. "Die Gesetze des Einzelhandels sind mir egal", sagt Leven selbstbewusst. "Natürlich würden sich diese Dinge schneller verkaufen, wenn ich sie geschickter platzieren würde. Aber ich verkaufe ja nicht einfach Schals oder Ketten. Ich verkaufe eine Phantasie."