Londoner Schneider vs. Abercrombie & Fitch Schlacht der tapferen Luxus-Schneiderlein

Die Londoner Savile Row ist die Heimat des Maßanzugs und Sitz der britischen Gentleman-Seele. Nun soll ausgerechnet dort ein Kindergeschäft des US-Konzerns Abercrombie & Fitch eröffnen. Die sonst vornehm-zurückhaltenden Edelschneider sind offen entrüstet.

Von Lena Jakat, London

An der ehrwürdigen Savile Row soll es bald Kindermode von Abercrombie & Fitch geben. Auf keinen Fall, sagen die anderen Ladeninhaber und verbünden sich gegen den US-Konzern.

(Foto: Lena Jakat)

Die Bedrohung ist vielleicht 20 mal zwölf Zentimeter groß, ein unauffälliger Schriftzug auf verspiegelter Glastür. Abercrombie & Fitch, New York. Es ist der Seiteneingang zum Londoner Flagshipstore des US-Labels, das jungen Erwachsenen weltweit für ein paar ansehnliche Scheinchen Sexyness, Erfolg und Dazugehörigkeit verspricht.

Drinnen: das typische Dämmerlicht, der betäubende Parfümgeruch und Clubgedudel. Roter Teppich, der unter dem Tritt nachgibt und junge Menschen in Flipflops, die offenbar dafür bezahlt werden, in einem Bekleidungsgeschäft zu tanzen. Draußen aber fehlen nicht nur die typischen halbnackten Werbeträger, sondern auch jegliche Hinweise auf das Innenleben des Palais' aus dem 18. Jahrhundert. Allein die Stars and Stripes auf dem Dach lassen erahnen, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann.

Das Geschäft firmiert seit fünf Jahren unter der Adresse 7 Burlington Gardens. Der Büroeingang geht jedoch auf die Savile Row. Und genau hier verläuft die Frontlinie eines erbitterten Kampfes: Maßarbeit gegen Massenware, Tradition gegen Turbokapitalismus, alte Welt gegen neue Welt.

Männer im klassischen Dreiteiler

Wo der gute Geschmack residiert: In der feinen Londonder Savile Row haben mehrere Edelschneider ihren Sitz.

(Foto: Lena Jakat)

Denn in der kleinen Gasse im Londoner Stadtteil Mayfair, eigentlich nur einen Steinwurf und doch Welten vom Kaufrausch der Oxford Street entfernt, drängen sich die Ateliers der renommiertesten und exklusivsten Herrenschneider der Welt - Gieves & Hawkes (gegründet 1771), Henry Poole & Co (gegründet 1806), H. Huntsman & Sons (gegründet 1849). Mit Abercrombie & Fitch haben die Mitglieder der Savile Row Bespoke Association (der Begriff bespoke, zu deutsch: "Maß-" wurde angeblich hier erfunden) nur das "&" im Namen gemein. Das Sträßchen ist einer der wenigen Orte, wo man abseits von Hochzeitsgesellschaften noch Männer im klassischen Dreiteiler beobachten kann.

Mag die Ankunft des Flagshipstores an der Straßenecke mit vornehmem Naserümpfen begrüßt worden sein, sorgt das jüngste Vorhaben des US-Konzerns für wahrhaftes Entsetzen und offenen Protest: Im Gebäude an der Savile Row Nummer 3 soll demnächst die Kindermode der Bekleidungskette verkauft werden.

Ausgerechnet in dieser Adresse, der vielleicht britischsten überhaupt! Auf dem Dach des Hauses gaben die Beatles am 30. Januar 1969 ihr gefeiertes letztes Konzert.

Nicht nur den Schneidern der Savile Row gehen diese Pläne zu weit. Als das Vorhaben im Frühjahr bekannt wurde, ließ die Traditionsvereinigung mitteilen: "Eindeutig wäre ein Abercrombie & Fitch-Kindergeschäft völlig unpassend für die Row. Um dem Laden zu kommerziellem Erfolg zu verhelfen, müssen die Betreiber Tausende Kinder in die Straße locken - und mit den engen Gehwegen hier könnte das für sie gefährlich werden und für unsere Kunden unangenehm."

Das Chap Magazine, das sich für den Erhalt der bedrohten Art des britischen Gentleman einsetzt, organisierte unter dem Motto "Give Three-Piece a Chance" eine Protestaktion mit gut-britischer Selbstironie.

Die vorerst letzte Runde der Auseinandersetzung ging an die Bewahrer: Die Bezirksverwaltung von Westminster, in deren Hoheitsgebiet die Row liegt, beschied, es dürfe keine Promi-beladene Eröffnungsfeier, keine laute Musik und keine Kinderwagen vor der zukünftigen Filiale geben. Abercrombie legte gegen die Auflagen Berufung ein - vergebens. Der Westminster City Council sieht die "Fußängersicherheit" in Gefahr und will den "Charakter der Savile Row" schützen. Im Februar soll in einer öffentlichen Anhörung eine Entscheidung getroffen werden.

Die Schlacht der tapferen Schneiderlein ist noch nicht geschlagen.

Für zwei Monate hat Süddeutsche.de-Autorin Lena Jakat ihren Schreibtisch in München mit einem in London getauscht. Der steht in der Redaktion des Guardian, ist allerdings auch bisweilen verwaist. Denn vor dem Fenster lockt die Metropole, mit verrückter Mode, schrillen Persönlichkeiten und allerlei spannenden Ecken. Ihre Eindrücke veröffentlicht sie in diesem Blog.