Lieblingsmöbel Ein Sofa wie bei Loriot

Auf der Kölner Möbelmesse sind 100.000 tolle Designobjekte zu sehen. Aber ehrlich gesagt: Unseren abgewohnten Trash lieben wir mehr. Warum? Weil es das Geheimnis der Patina gibt.

Lieblingsmöbel der SZ-Autoren.

An diesem Wochenende wird in Köln die Möbelmesse für das Publikum geöffnet. Gut ist das deshalb, weil sich in den Tagen zuvor schon mal ein paar tausend Design-Fachleute auf den Design-Polstern und Design-Sofas herumgefläzt haben. Probeweise. So wird das Publikum nun wenigstens einen Hauch von Leben, etwas Schuhcreme hier und etwas Proseccoplörre dort, an einem Ort entdecken, wo sich sonst inmitten der Messehallen und seiner 100 000 Lustobjekte was befindet?

Reine Schönheit. Reine Eleganz. Reine Angesagtheit. Reine Proportion. Reine Materialität. Reine Form. Reiner Design-Wahnsinn eben. Es ist eigentlich gar nicht auszuhalten auf der Möbelmesse, diesem Jahrmarkt der Schönheiten, weil den dort gezeigten Objekten etwas Fundamentales fehlt. Das Imperfekte, das So-gar-nicht-Mondäne, das Unsmarte - kurz das Leben. Ach was, Leben. Der Gebrauch ist es, der fehlt. Das Durchgesessene, Ramponierte, Alte, Überkommene, Schon-immer-da-gewesene, Geliebte. Was fehlt ist: Patina. Oder zumindest die Fähigkeit dazu.

"Es gibt allerdings auch Gegenstände", schreibt Hubertus Günther in dem Buch "Patina", "die partout keine Patina annehmen wollen. Das hängt von der Art ihrer Gestaltung ab. Pointiert darf man wohl sagen: Zu Gegenständen mit funktionalistischem Design gehört keine Patina ( . . . ) Funktionalistisches Design drückt eher die Bewunderung für moderne Technik als deren Nutzung aus. Und dazu gehört Hochglanz ( . . . ) Patina verbindet sich mit Nostalgie. Sie bildet gewissermaßen einen nostalgischen Abglanz der Vergangenheit, die sich über die Zeiten hinweg fortsetzt. Funktionalismus wendet sich dagegen in die Zukunft. Der Hochglanz bildet gewissermaßen das Aufleuchten der futuristischen Substanz des Funktionalismus."

Nun muss man einer Messe, die Neuigkeiten zeigt, nicht vorwerfen, dass sie das Alte eher nicht zum Thema macht. Das Leben aber ist auch kein Thema auf dieser Messe - und schon gar kein Trend. Ein Megatrend dagegen, so die Messemacher, sei "das große Thema Natur". Mal abgesehen davon, dass das große Thema Natur schon seit zehn Jahren als Megatrend ausgerufen wird, ohne dass es sich in der Natur rumgesprochen hätte: Zu besichtigen sind auch in diesem Jahr wieder Holz-Kuben, die so artifiziell und keimfrei aussehen, als seien sie für die Intensivstationen gedacht.

Design war gestern - mindestens

Erstaunlicherweise schaffen sie das - obwohl sie vom Hersteller mit den Prädikaten "natürlich sägerauh" oder "rough-cut-Oberfläche" angepriesen werden. Warum aber wirkt das Design zunehmend so wie eine lebensfeindliche Zone? Wie etwas ganz und gar Unnatürliches? Wie etwas, das mit unseren Wohnwelten absolut nichts mehr zu tun hat? Kann es sein, dass der Zusammenschluss von Design und Möbel seine beste Zeit schon wieder hinter sich hat?

Das wollten wir wissen und sind im Streben nach Erkenntnis in die Wohnungen unserer Mitarbeiter eingedrungen - auf der Suche nach den Lieblingsmöbeln. Und wer sind nun die Darlings und Geliebten? Es sind Sofas, Tische, Lampen, die jeden Umzug überleben, nicht weil sie so schön wären, so nützlich gar oder so sehr Design - sondern weil sie Patina und Geschichte und Eigensinn haben. Weil ihr Ausgeleiertsein mehr mit uns als mit einem Megatrend zu tun hat. Die wirklich angesagten Wohnblogs wissen das übrigens auch: Design war gestern bis vorgestern - und Geschichten kann man sich eben nicht kaufen. Deshalb verschenken wir hier ein paar davon.