Kunst mit Lebensmitteln Bei Anruf: süß

Mit dem Essen spielt man nicht? Die Vereinigung kulinarischer Künstler in London hat diese eiserne Regel außer Kraft gesetzt. Bei ihnen gibt es Desserts, die im Mund den Geschmack ändern, essbare Gläser und eine Marie Antoinette aus Zuckerguss.

Ein Stilblog von Lena Jakat, London

"Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!" - mit diesem Satz soll Marie Antoinette einst die Hungersnot der französischen Bevölkerung kommentiert haben. Eine Foodkünstlerin hat die Königin in Anspielung darauf als Zuckerskulptur dargestellt, zu sehen im Londoner Victoria and Albert Museum.

(Foto: sde / Lena Jakat)

"Press 1 for bitter, press 2 for sweet". Die Stimme am Telefon klingt nach der üblichen Warteschleife, doch sie führt durch ein kulinarisches Menü. Wer auf seinem Handy eine bestimmte Nummer wählt, hält in der anderen Hand in der Regel eine Art Schokogebäck am Stiel - den Sonic Cake Pop. An dem geschmacklich recht unspektakulären Gebäck hängt ein Zettel mit einer Anleitung: "Wähle die Nummer und schmecke die Veränderung."

Folgt man der Anweisung und drückt die Taste "1", erklingt ein Brummen, das an eine alte Proppellermaschine erinnert - und das die Schokolade auf der Zunge bitter schmecken lässt. Unter "2" ist eine blecherne, sphärische Melodie zu hören, wie ein extraterrestrisches Xylophon. Und tatsächlich: Die Schokolade wirkt plötzlich süßer.

Das Experiment basiert auf Erkenntnissen von Geschmacksforschern der Universität Oxford. Die Neurowissenschaftler dort haben herausgefunden, dass Geräusche die Wahrnehmung tatsächlich auch dahingehend beeinflussen, ob etwas süßer oder bitterer schmeckt. Daraus entwickelte die Kölner Essenkünsterlin Caroline Hobkinson den Sonic Cake Pop - ein manipulierbares Dessert.

Hobkinson ist Mitglied der Londoner Experimental Food Society, einem Lobbyverband für kulinarische Künstler. In der Gruppe sind Bildhauer und Perfomancekünstler ebenso organisiert wie Designer und Köche. Gemein haben sie nur eines: Sie arbeiten mit Essen - und verwischen die Grenzen zwischen Kunst und Küche, oft bis zur Unkenntlichkeit.

Hobkinson zum Beispiel hat einen künstlerischen Uni-Abschluss und hatte mit Selbstgekochtem eigentlich kaum zu tun: "Die Frauen in meiner Familie, meine Mutter und meine Großmutter, waren berufstätig und haben nie groß gekocht", sagt die 38-Jährige. "Vielleicht finde ich das Thema deswegen so faszinierend."

Bei einer Food-Performance in Berlin veranschaulichte sie 2009 das Trauma der deutschen Teilung anhand unterschiedlicher Essgewohnheiten und -möglichkeiten in Ost und West. Seitdem ist sie aus dieser Sparte nicht mehr wegzudenken. Die 38-Jährige konzipiert kulinarische Tanzperformances für die Mailänder Möbelmesse oder entwickelt gemeinsam mit dem Neurologen Charles Spence aus Oxford synästhetische Tassen und Teller, denn auch Form und Oberfläche von Geschirr kann das Geschmacksempfinden beeinflussen. "Ich liebe es, Menschen gegen ihre Grenzen zu drücken", sagt sie über ihre Arbeit.

An diesem Freitag im Londoner Victoria and Albert Museum stehen Hobkinsons Sonic Cake Pops neben einer historisch überaus bedeutenden Dame in Pastelltönen: Marie Antoinette. Die Zuckerskulptur trägt eine bodenlange Robe, über und über mit Troddeln und Applikationen verziert. Neben der 50 Zentimeter hohen Statue warten Miniatur-Ausgaben der französischen Königin, gewandet in die blaue Buttercreme ihrer Cupcakes, auf ihr sicheres Ende. Das Kunstwerk von Rosalind Miller heißt "Die Rache der Bauern". Schließlich soll Marie Antoinette im 18. Jahrhundert den Aufstand der hungernden Bevölkerung mit den Worten kommentiert haben: "Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!"

Ins Leben gerufen wurde die Experimental Food Society vor drei Jahren von Alexa Perrin. Die PR-Frau kommt aus einer Familie von Restaurantbetreibern und hat sich der Förderung von Food Art verschrieben. "In London war da einfach so viel in Bewegung - ich wollte all diese Leute zusammenbringen", sagt Perrin.

Zum alljährlichen Vortragsabend ihres Verbands ist neben Hobkinson und Miller auch Fernando Laposse gekommen. Der junge Produktdesigner wollte eigentlich die Glasbläserei erlernen - doch das ist teuer und auch ziemlich gefährlich. Also versuchte er es mit Zucker. "Der verhält sich am Ende genauso wie Silicat", erläutert er.

Für eine Großveranstaltung produzierte Laposse jüngst mehr als 100 Gläser aus Zucker. In den den fragilen Gebilden wurde dann ein auf ihre Süße abgestimmter Cocktail serviert. "Die Gäste knabberten an den Gläsern", schwärmte er. "Zu sehen, wie sich Erwachsene wie Kinder benehmen, war sehr befriedigend."

Eins ist klar: Für die 56 Mitglieder der Experimental Food Society ist eine eiserne Regel außer Kraft gesetzt. Mit Essen spielt man nämlich doch.