Kosmetik Anti-Aging-Creme? Wozu?

120 Jahre alt werden? Warum nicht? Die junge Generation hofft auf lebensverlängernde Therapien.

(Foto: Benicce - Fotolia)

Die Millennials kriegen ihre ersten Fältchen - doch mit Anti-Aging-Produkten braucht man ihnen nicht zu kommen. Sehr zum Ärger der Kosmetikkonzerne, die nun an Alternativprodukten arbeiten.

Von Jan Kedves

Wer nicht sterben muss, der findet auch Falten im Gesicht nicht so schlimm. Logisch, oder? Auf diese Formel lassen sich die Sorgen bringen, die die Beauty- und Anti-Aging-Industrie derzeit umtreiben. Die verzeichnete bislang von Jahr zu Jahr verlässliche Umsatzzuwächse, aber jetzt, da die Millennials zur größten Konsumentengruppe geworden sind, gibt es eine Stagnation bei den Antifaltencremes und Skin-Repair-Ampullen, ja sogar einen Rückgang. Seit 2015, um genau zu sein.

Das Branchenblatt WWD meldete zuletzt, bei Estée Lauder seien es drei Prozent weniger gewesen, bei Coty Inc. sechs Prozent, Tendenz weiter abwärts. Die jungen Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren und mit Smartphones und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, scheinen keine Angst mehr vor dem Älterwerden zu haben.

Paradox? Eigentlich müsste es ja gerade jene demografische Gruppe, die als Inbegriff alles Jungen und Zukünftigen gilt, als existenzielle Kränkung empfinden, wenn sie schon die ersten Zeichen des biologischen Verfalls an sich entdeckt. Warum treibt es sie nicht in Massen an die Tiegelchen und Seren, die Zeitstopp oder Zeitumkehr im Gesicht versprechen?

Genau darüber zerbrechen sich gerade Produktentwickler und Marktforscher bei den Kosmetik-Konzernen die Köpfe. Die ersten Erkenntnisse gibt es bereits, ebenso die ersten speziell auf die Zielgruppe ausgerichteten neuen Anti-Aging-Produkte. Die dürfen allerdings - erste Erkenntnis der Forscher - auf keinen Fall "Anti-Aging" heißen.

Der Begriff erinnert Millennials nämlich unangenehm an Hochglanz-Kosmetikanzeigen aus Frauenmagazinen und an die mit Nervengift lahmgelegte Mimik ihrer Mütter. Millennials mögen Natürlichkeit und Lachfalten, denn lachen ist gesund, und Gesundheit ist für Millennials das Wichtigste - nicht zuletzt, weil sie nach außen abstrahlt, jedenfalls wenn man fest daran glaubt.

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Konservieren ist nur was für Menschen, die den Tod fürchten

Damit wäre man auch schon bei der zweiten Erkenntnis der Forscher: Der Health-Food-Trend greift auf das Anti-Aging-Geschäft über. Wer einmal mitbekommen hat, mit welchem Ekel Millennials, während sie im Super-Food-Laden Chiasamen kauen, über Mitmenschen herziehen, die noch Lasagne essen oder Kaffee mit Zucker trinken, dem wird sofort einleuchten, dass sie auch Pflege für welkende Haut nur dann interessant finden, wenn diese den Eindruck erweckt, im Prinzip genauso innerlich anwendbar zu sein.

Et voilà: Gerade hat die zu L'Oréal gehörende Firma Kiehl's ihre neue "Pure Vitality Skin Renewing Cream" lanciert. Die besteht zu 99,6 Prozent aus natürlichen Inhaltsstoffen, unter anderem rote Ginsengwurzel aus Südkorea und Manuka-Honig aus Neuseeland. Klingt gesund und lecker. Dass draufsteht, woher die Zutaten kommen, auch das ist für Millennials sehr wichtig, denn es suggeriert Nachhaltigkeit und macht ein gutes Gewissen. Kiehl's will mit der neuen Verjüngungs-Creme in diesem Jahr 40 Millionen Dollar umsetzen.

Liest man die Statements der Produktentwickler und die Verlautbarungen von Zukunftsforschern wie von der NPD Group in New York zum Thema durch, bekommt man allerdings den Eindruck, dass über einen Aspekt bislang noch kaum nachgedacht wurde: Möglicherweise ist das Konservieren eines jugendlichen Antlitzes, wie es traditionell das Versprechen der Anti-Aging-Kosmetik ist, ohnehin nur für jene Menschen noch ein Ideal, die Tod und Siechtum fürchten.

Wer das Leben aber nicht mehr als endlich wahrnimmt, sondern als fortlaufende Entwicklung hin zum nächsten Durchbruch in Medizin und Gentechnik, der kann gelassen auf Fältchen reagieren. Und genau das sind ja die Millennials: die erste Generation, die sich realistisch Hoffnungen darauf machen kann, dem Sensenmann ein Schnippchen zu schlagen und noch zu Lebzeiten in den Genuss von Zellerfrischungs- und anderen lebensverlängernden Therapien zu kommen. 120 Jahre alt werden? Mindestens!

Das mag eine Rechnung mit noch vielen Unbekannten sein, aber wenn man Sam Cheow sprechen hört, seines Zeichens "Chief product accelerator" bei L'Oréal, klingt sie schon an, zwischen den Zeilen. Er sprach im vergangenen Jahr über die Erkenntnisse, die sein Unternehmen über Millennials gesammelt hat: "Älterwerden ist für sie kein zentrales Thema mehr, sie sehen es eher nach dem Prinzip von Problem und Lösung."

Sprich, Millennials erkennen in den ersten Fältchen, die sich zwischen die Augenbrauen graben, nicht mehr das rasant nahende Ende, sie betrachten Sterblichkeit nicht mehr als Fakt - sondern als ein Problem, das sicherlich bald dank des technologischen Fortschritts aus der Welt geschafft wird.

Und wenn es dann bald zum neuen Statussymbol wird, sich ein immer längeres Leben leisten zu können, dann muss man seine Falten ja auch mit Stolz zur Schau tragen!

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