Kolumne Geschmackssache Grüner Göttertrunk

Green Smoothies sind der neueste Schrei.

Vom Unkraut zum Detox-Süppchen: Seit Menschen Blattsalate zu Smoothies zerkleinern, ist Raw Foodism zur Religion aufgestiegen. Die Inspiration zum allgegenwärtigen Grünkohl-Gedenkgottesdienst kommt aus dem Tierreich.

Von Marten Rolff

Jede Wette, Frühlingsanfang und Fastenzeit gehören bei den Herstellern von Standmixern inzwischen zu den umsatzstärksten Wochen. Denn seit die amerikanische Smoothie-Mum Victoria Boutenko damit begonnen hat, im Dienste der Gesundheit ihrer Familie mit gehäckselten Früchten und Blattsalaten zu hantieren, ist der Raw Foodism zur Religion aufgestiegen.

Früher hätte man einfach von frisch gepressten Obst- und Gemüsesäften gesprochen, aber das läuft nicht mehr. Die Verlage überbieten sich gegenseitig mit Rohkost-Titeln, auf Youtube mischen fitnessbesessene Koch-Legastheniker die Unkrauternte von Verkehrsinseln zu Detox-Emulsionen, und in New Yorker Restaurants feiern sie Grünkohlgedenkgottesdienste.

Den Standmixer braucht man, um die Zellstrukturen des Blattgrüns aufzubrechen, durch Kauen allein ist den wertvollen Spurenelementen und Aminosäuren, dem Chlorophyll und den Antioxidantien leider nicht beizukommen.

Ein echter Green Smoothie besteht zu zwei Teilen aus Wasser und je zu vier Teilen aus Obst und (stärkefreiem!) Blattgemüse wie Kohl oder Spinat. Clean-Eating-Jünger wechseln täglich die Gemüsesorte, um die Alkaloide (vulgo Pflanzenasche) besser zu verteilen und die Entgiftung nicht zu gefährden.

Extremisten verquirlen gern mal eine Bananenschale mit. Boutenko ließ sich bei ihren Green Smoothies übrigens vom Speiseplan der Schimpansen inspirieren (50 Prozent Obst, 40 Prozent Blätter). Das glaubt man gern. Nichts gegen Gemüsesaft, aber nach einem unzivilisierteren Ernährungstrend muss man lange suchen.