Kaufsucht bei Männern "Ein orgiastisches Gefühl"

Ein Mann beim Schaufensterbummel im kanadischen Vancouver: Kaufsucht kann auch Männer betreffen.

(Foto: Bloomberg)

81 Lederjacken, 75 Paar Stiefel, 115 Paar Lederhandschuhe: Der US-Autor Buzz Bissinger gesteht in einem Essay seine krankhafte Gier nach Luxusklamotten. Mit seiner Sucht ist der 58-Jährige keineswegs allein.

Von Lena Jakat

Wer würde für die Schuhsammlung am liebsten einen ganzen Tresorraum anmieten? Die Frau. Wer bräuchte eigentlich einen eigenen Garderobenschrank nur für Umhängetaschen, Clutches und Handtäschchen? Die Frau. Für wen scheint es bisweilen Ersatzbefriedigung zu sein, von Geschäft zu Geschäft zu ziehen und bunte Papiertüten zu sammeln? Die Frau.

Die Shopaholics, die Eingang in die Popkultur gefunden haben und dort für den ideologischen Rückhalt des Konsumwahnsinns sorgen, heißen Carrie Bradshaw, Rebecca Bloomwood, Imelda Marcos. Mode und insbesondere das Kaufen von Mode sind eines der letzten exklusiven Reservate der Frau. So wie die Angst vor Spinnen und das Gebären von Kindern. Doch seit Thomas Beatie 2008 schwanger wurde, ist auch letzteres Geschlechterklischee gefallen.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift GQ, die eigentlich das traditionelle Rollenbild im Namen trägt, bringt der US-Autor Buzz Bissinger ein weiteres Gesetz der Frauen-Männer-Welt zu Fall: Jenes nämlich, das besagt, dass Shopaholics Frauen sind. In seinem imposanten Essay "My Gucci Addiction" gesteht Pulitzer-Preisträger Bissinger seine Kaufsucht. Teils Reportage aus dem Gucci-Imperium, teils Meditation über den Zusammenhang von Sex und Kleidung, größtenteils Selbsttherapie. Die Inventur seines Kleiderschranks lässt den Leser staunen wie einst Berichte über den Schuhtick der philippinischen Diktatorengattin Marcos:

"I own eighty-one leather jackets, seventy-five pairs of boots, forty-one pairs of leather pants, thirty-two pairs of haute couture jeans, ten evening jackets, and 115 pairs of leather gloves."

"The most expensive leather jacket I own, a Gucci ostrich skin, cost $13,900. The most expensive evening jacket I own, also from Gucci, black napa leather with gold threading, cost $9,800. The most expensive leather pants, $5,600. The most expensive jeans, $2,500. The most expensive pair of boots, $2,600. The most expensive pair of gloves, $1,015."

In den vergangenen drei Jahren gab Bissinger 587.412,97 Dollar für Kleidung aus. Mehr als 450.000 Euro. Nun ist es so, dass der 58-Jährige sich um sein wirtschaftliches Überleben keine Sorgen machen muss, wie er selbst schreibt. Doch als gesund empfindet er seine Kauflust nicht. "Ich bin süchtig", gesteht Bissinger und vergleicht jeden Kauf mit einem Orgasmus und seine Sucht mit einem wilden Tier:

"There was a time earlier in my life when I loved to write, the same feeling of orgasm that I now get with clothing."

"You fool yourself at certain times into thinking that's it and you have quenched the beast. But the beast is never conquered, and you don't really want to conquer the beast anyway, until there is disaster."

In 6500 Worten beschreibt der US-Amerikaner, wie er nach dem Auszug seines jüngsten Sohnes und während eines längeren Auslandsaufenthalts seiner Frau der Shoppingsucht verfiel. Er reflektiert über den Zusammenhang mit unterdrückten sexuellen Fantasien, darüber, was sein Hang zur Haute Couture über seine sexuelle Orientierung aussage. Er schildert, wie er seinem Bankberater erzählt, er brauche mehr Geld - um die Studiengebühren seiner Kinder zu bezahlen. Stattdessen gibt er es auf einer viertägigen Shoppingtour nach Mailand 51.000 Dollar aus.

Zwar mag dieser Fall eines exzentrischen Publizisten vor allem für sich selbst stehen; tatsächlich aber verweist der Text zu recht darauf, dass Männer ebenso gefährdet wie Frauen sind, dem Kaufrausch zu verfallen. Das US-Magazin The Atlantic hat anlässlich Bissingers Geständnis eine Studie von 2006 ausgegraben. Die Veröffentlichung im American Journal of Psychiatry kam zu dem Schluss, dass sechs Prozent aller Frauen von pathologischer Kauflust betroffen seien - und 5,8 Prozent der Männer. Nur marginal weniger also. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien minimal, erläutert der Kommunikationswissenschaftler Ronald Faber, einer der Autoren der Studie, im Atlantic:

"I believe the motivations and effects of compulsive buying are the same for men and women, but there isn't a lot of data on men, so it is hard to say for sure. What differs is the types of things they buy (more clothes, shoes and jewelry for women and more electronics and car related items for men)."

Anders als bei Bissinger bedeutet die Kaufsucht für viele Männer und Frauen den finanziellen Ruin und bedroht oft auch Ehe oder Partnerschaft. Der kaufsüchtige Schriftsteller schließt sein Geständnis - ohne die erhoffte Erlösung gefunden zu haben - in Resignation:

"All stories like this should and do end this way, the slaying of the beast. Bullshit."