Herrenmagazin "Tweed" Training in feiner britischer Art

Verkörpert die feine britische Art wie kaum ein Zweiter: Prinz Charles zu Besuch auf Schloss Langenburg.

(Foto: Getty Images)

Die Zeitschrft "Tweed" würde gerne britischen Lebensstil vermitteln. Die Deutschen haben schließlich eine Schwäche für Benimm- und Stilregeln. So richtig umsetzen lässt sich das Ganze aber nur mit dem entsprechenden Personal.

Von Johan Schloemann

Nein, man wird leider kein Gentleman, indem man Gentleman-Magazine liest. So, wie man auch nicht königlicher wird, wenn man die Geburt eines königlichen Babys in Echtzeit verfolgt.

Nehmen wir mal das Schuheputzen. Das Schuheputzen ist ja immer ein ganz großes Ding in solchen Blättern, so auch in dem ersten Heft des neuen Magazins Tweed, das jetzt deutschen Männern "britischen Lebensstil" nahebringen will. Da wird von "Schuhpflegeseminaren" berichtet, die "voll im Trend" seien. Und wieder einmal wird die penible, wenn auch nicht sehr alltagsstresskompatible Vorschrift erteilt, dass die Schnürsenkel zum Putzen "natürlich" stets herauszunehmen seien.

Aber hat man eigentlich je den Gentleman alter Schule, auf den sich Herren- und Stil-Magazine gerne berufen, beim Herausfriemeln von Schnürsenkeln aus seinen Lederschuhen gesehen? Hat man je gehört, dass er in Oxford ein Schuhpflegeseminar belegt hätte? Hat man nicht. Der Gentleman alter Schule hatte für solche Aufgaben nämlich Personal.

Und damit ist auch das Problem der meisten Heraufbeschwörungen der feinen englischen Art benannt: Sie richten sich nunmehr an gehobene Angestellte, die sich einen Stil antrainieren wollen. Sie sitzen auf Dienstreisen am Flughafen, blättern in entsprechenden Magazinen herum und schwelgen, wie in Tweed, in folgenden Themen: Maßanzüge, teure Hemden, 100 Jahre Aston Martin, edle Füllfederhalter, Benimm- und Stilregeln, Rasiermesser, Oldtimertreffen, Polo-Clubs, das legendäre Savoy-Hotel in London, die schätzungsweise siebentausendste Reportage aus einer Whisky-Destillerie . . .

Unerwiderte Liebe

Da sind gewiss viele schöne Dinge dabei. Was sich aber für den Edelmann aus Besitz und Erziehung ergab, das droht, demonstrativ bemüht, zur affigen Maskerade zu werden. Und das gilt erst recht für Deutsche, die ihre - durchaus berechtigte - Anglophilie allzu sichtbar nach außen tragen. Es ist dies ja eine Liebe, die von den wenigsten Engländern erwidert wird - ein bisschen zu viel Tweed eben. (Ein Wort, das heute übrigens niemand ungestraft mit "Tweet" verwechselt.)

Having said that - auch wenn man diese Warnungen beherzigt, macht es natürlich trotzdem Spaß, sich englische Herrenbekleidung oder Herrenhäuser anzuschauen. Weil sie schön und bewährt gut gemacht sind. Und wenn man es nicht übertreibt mit dem Gehabe, dann kann man sich, auch aus dem Magazin Tweed (Startauflage: etwa 80.000), ein paar ganz einfache, sinnvolle Alltagsregeln abschauen: zum Beispiel niemals ein Sakko zu kaufen, das irgendwo Richtung Knie herunterhängt, und niemals kurzärmelige Oberhemden zu tragen. So kann vielleicht auch der Traum vieler Männer mit etwas Geld und wenig Zeit wahr werden: haltbare, stilvolle Sachen zu erwerben und dann sehr, sehr lange nicht einkaufen zu gehen.

All das müsste allerdings in einem Magazin über britischen Stil selber mit Stil und Witz vorgetragen werden. Davon kriegt man aber für 9,80 Euro pro Tweed-Heft (alle zwei Monate) in den Texten noch ziemlich wenig geboten. Das Blatt erscheint im Wieland Verlag, der sonst auf Fachliteratur über Messer und Klingen spezialisiert ist. Da gibt es an der Schärfe des Stils noch einiges zu schleifen.