Frisuren-Trend Warum Frauen den Buzz Cut lieben

Von links nach rechts: Kristen Stewart, Cara Delevingne und Amandla Stenberg, alle mit millimeterkurz geschorenen Haaren.

(Foto: Getty Images(2); Imago(m))

Zuerst wurde der kahlrasierte Kopf auf Laufstegen gefeiert, jetzt zeigen sich Prominente wie Kristen Stewart oder Cara Delevingne: Der Buzz Cut gilt als Frisur des Jahres - auch weil viele darin das Zeichen eines neuen Feminismus sehen.

Von Dennis Braatz

Die meisten Frauen zögern an zwei Stellen. Zuerst, wenn der Rasierer losbrummt. Dann fahren sie sich durch die Haare und tasten ihren Kopf ab: Will ich wirklich? Doch, ich will! Beim Ansetzen des Rasierers muss dann häufig erneut unterbrochen werden. Sie kneifen die Augen zusammen, pressen die Lippen aufeinander und geben leise "Oh! My! God!"-Laute von sich. Nach zehn Minuten ist im Schnitt eigentlich alles schon wieder vorbei, aber beim Blick in den Spiegel nichts mehr wie vorher.

Wer bei Youtube "Women" und "Buzz Cut" eintippt, kann reihenweise junge Frauen dabei beobachten, wie sie sich vor laufender Kamera die Köpfe scheren oder scheren lassen. Die Fastglatze gilt als Trendfrisur dieses Jahres, spätestens seit sich in Hollywood ein paar Damen von ihrer Mähne verabschiedet haben. Kristen Stewart machte im März mit einer neuen Kürze von knapp drei Millimetern den Anfang. Auf kaum mehr brachte es einen Monat später Katy Perry. Und bei den MTV Movie & TV Awards vor zwei Wochen präsentierten sich gleich zwei Frauen nahezu kahl, Amandla Stenberg sowie Ex-Model und Schauspielerin Cara Delevingne.

Buzz Cut erobert Laufstege und rote Teppiche

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Delevingne hatte ihre neue Frisur zuvor auf Instagram kommentiert. "Es ist anstrengend, gesagt zu bekommen, wie Schönheit auszusehen hat. Ich bin es leid, dass die Gesellschaft vorschreibt, was Schönheit bedeutet. Entfernt jede Kleidung. Entfernt das Make-up. Schneidet euch die Haare. Entfernt jeden materiellen Besitz. Wer sind wir dann? Wie definieren wir Schönheit?" War natürlich nicht bitterernst gemeint, aber: Es folgten mehr als 52 000 überwiegend wohlwollende Kommentare ihrer Abonnenten - und die nächste Debatte über Schönheitsideale und Feminismus in der Glamourwelt. Ist das jetzt gut, wenn Frauen wie sie mit einem radikalen Haarschnitt eine Haltung einnehmen? Oder springen Frauen wie sie nur auf einen Trend auf?

Klar ist: Unvorteilhaft will keiner der Stars aussehen. Deshalb haben sich die meisten das Haar auch nicht einfach nur abrasiert, sondern die verbliebenen Stoppeln zusätzlich inszeniert, nämlich platinblond eingefärbt. Man könnte das für eine weitere Nineties-Laune halten, aber es geht um einen bewusst eingesetzten Trick. Von dunklen Haarfarben setzt sich die weiße Kopfhaut allzu deutlich ab. Blond dagegen vermischt sich optisch mit der Blässe. Die Frisur wirkt wie ein einziger Lichtreflex, sieht also mehr nach Gesamtkunstwerk als nach Frisörunfall aus.

Darüber hinaus kommt die Inspiration für die Millimeterfrisur aus der Welt des schönsten Scheins überhaupt, nämlich vom Laufsteg. Seit den Schauen im September 2015 lassen immer mehr Models Haare. Eine der ersten war Ruth Bell. Als die Britin bei Versace im Nadelstreifenblazer vors Publikum trat, ging ein Raunen durch die Ränge. Ein kahl rasierter Kopf, das kannten die Redakteure bislang nur von schwarzen Models wie Alek Wek, die seit den Neunzigern auf dem Catwalk für das Klischee der exotischen Massai-Frau zuständig sind. Donatella Versace aber widmete ihre ganze Show der weiblichen Vielfalt, mischte Mädchen unterschiedlichster Hautfarben, Ethnien und Frisuren durcheinander.

Kontrast zu klassicher Weiblichkeit

Ohne High Heels hätte Bell wie ein Teenagerjunge mit Sommersprossen ausgesehen. "Ich dachte, ich würde wegen des Haarschnitts weniger Aufträge bekommen", sagte sie im Guardian. Stattdessen folgte für Bell ein Magazincover auf das nächste - und man sah plötzlich jede Menge weiterer Models mit raspelkurzen Haaren. Sie präsentieren Spitzen- oder Seidenkleider, tragen die Lippen betont und große Creolen. Die Frisur funktioniert als Kontrastmittel zu klassischen Attributen der Weiblichkeit.

Womit wir bei der Frage nach der Herkunft des Buzz Cuts wären, also der klassischen Männlichkeit. "To buzz" bedeutet so viel wie Surren oder Summen und meint das Geräusch des elektrischen Rasiergeräts, mit dem Soldaten in vielen Ländern beim Eintritt ins Militär die Haare gestutzt werden. Ursprünglich ging es darum, die Verbreitung von Läusen zu verhindern. Heute soll die Radikalrasur die Pflege erleichtern und Uniformität schaffen.

Aber eine Frau mit diesem Haarschnitt, das war lange Zeit undenkbar. Es sei denn, sie wurde bestraft, als angebliche Hexe im Mittelalter - oder in Frankreich und Norwegen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn sie sich - welche Schande - mit einem Deutschen eingelassen hatte. Dann gab es da noch die Schauspielerin Jean Seberg, eine der ersten Buzz-Cut-Trägerinnen Hollywoods, 1957 spielte sie Jeanne d'Arc in der Verfilmung von George Bernard Shaws "Die heilige Johanna".