Frankreich Sag mir, was dein Baguette kostet, und ich sage dir, wo du wohnst

Was kostet ein Schinkenbaguette? Die Antwort auf diese Frage erzählt viel über den Wohlstand der Franzosen.

(Foto: imago/CTK Photo)

Forscher haben das Schinkenbaguette in Frankreich als Gradmesser für Wohlstand entdeckt. Wer genau hinsieht, kann es auch als Integrationsmaschine betrachten.

Von Nadia Pantel

Wer im Urlaub auf gelebte Folklore hofft, wird oft enttäuscht. Die Menschen in Hamburg essen nur selten Fischbrötchen, und einen Sombrero tragen Mexikaner eher in der Fantasie von Kostümfabrikanten. In Frankreich sind unangenehme Überraschungen jedoch selten. Dort ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Passant ein Baguette unterm Arm trägt, zuverlässig hoch. So hoch, dass Präsident Emmanuel Macron in diesem Jahr vorschlug, das Brot von der Unesco als kulinarisches Weltkulturerbe schützen zu lassen.

Nur ist Baguette nicht gleich Baguette. Vor allem in der Butter-Schinken-Variante schwanken Preis und Qualität ganz erheblich. Kauft man das "Jambon-beurre" bei einem Bäcker in Paris, kostet es vier Euro. In Marseille hingegen sind es im Durchschnitt nur 2,56 Euro. Das Jambon-beurre steht derart exemplarisch für "Ich hol' mir mal schnell was beim Bäcker", dass ihm zu Ehren der Jambon-beurre-Index eingeführt wurde. Am Preis dieses Sandwiches misst das Marktforschungsinstitut Gira Conseil seit zehn Jahren, wie es um die Kaufkraft der Franzosen bestellt ist.

Zunächst die gute Nachricht: Der Schinkenbaguette-Preis ist stabil. 2016 zahlte man im Landesdurchschnitt 2,93 Euro, 2017 waren es 2,94 Euro. Infolge der Finanzkrise war der Jambon-beurre-Preis im Jahr 2010 auf 2,50 Euro gesunken. Heute bleibt den Franzosen am Ende des Monats wieder mehr Geld übrig, das Sandwich ist wieder teurer.

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So belegt das Schinkenbaguette, was Politologen schon lange wissen

Dieses Bild der zufrieden vor sich hin konsumierenden Franzosen hat allerdings nur dann Bestand, wenn man sich auf Paris und die aufstrebenden Städte Bordeaux und Lyon konzentriert. Im ländlichen Frankreich zahlen die Menschen bis zu einen Euro fünfzig weniger für ihr Sandwich als in der Hauptstadt. In der 14 000-Einwohner-Stadt Tulle in Zentralfrankreich kostet es 2,48 Euro, in Rennes in der Bretagne 2,66 Euro, im nordfranzösischen Lille 2,57 Euro.

So belegt das Schinkenbaguette, was Politologen schon lange wissen: Die Risse, die Frankreich durchziehen, teilen das Land nicht in ideologische Lager. Sie teilen es in eine Hauptstadt, die zu den teuersten Orten der Welt gehört, und in Provinzen, in denen die meisten Menschen ziemlich genau rechnen müssen, ob der nächste Zwischenstopp beim Bäcker eine sinnvolle Idee ist. Bernard Boutboul, der Erfinder des Schinkenbaguette-Index spricht in der Zeitung Le Parisien von einer "Ernährung der zwei Geschwindigkeiten". Die einen geben im Supermarkt 75 Cent aus, "die anderen gönnen sich ein Jambon-beurre beim Sterne-Koch Éric Fréchon für 7,50 Euro".

Dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass das Weltkulturbrot die französische Gesellschaft spaltet. Schaut man sich nicht an, wer es kauft, sondern wer es backt, wirkt das Baguette eher wie eine Integrationsmaschine. Als Paris im vergangenen Jahr das beste Baguette der Stadt kürte, standen auf der Liste der ersten zehn Bäcker: Sami Bouattour, Khemoussi Mansour, Abdallah Lakoum, Mahmoud M'seddi und Ismael Sylla. 50 Prozent der Brot-Elite haben nordafrikanische Wurzeln. Bouattour, Kind tunesischer Eltern, backt so hervorragendes Baguette, dass er zum Brotlieferanten des Élysée-Palasts erkoren wurde.

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