Fotografie Der Zerrissene

Er war ein Porträtist Hollywoods, der Windsors und seiner selbst: Ein sehenswerter Dokumentarfilm spürt Leben und Werk des britischen Fotografen Cecil Beaton hinterher.

Von Anne Goebel

Die Mode, eigentlich Sinnbild für sorglose Leichtigkeit, hat gerade keine einfache Zeit. Menschen mit dem nötigen Geld für Luxuriöses finden klobige Schuhe gut oder fette Designerlogos auf Trainingshosen, entsprechend ungehobelt geht es auf einigen Laufstegen zu. Die junge Kundschaft wiederum verlangt streng nach klimaschonenden Materialien, aus welchem wiederverwerteten Abfall auch immer. Und Ausreißer beim Hautfarben- und Geschlechter-Mix der Models kann sich keine Marke mehr leisten. Alles in allem: anstrengend. Der Gegenentwurf, ein Traumbild aus versunkener Zeit, kommt jetzt in die Kinos. "Love, Cecil" (ab 12. Juli) ist ein Film wie ein endloses Shooting im Garten von Windsor Castle, mit großen Hüten, Erdbeeren und Champagner.

Protagonist ist Cecil Beaton, einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, außerdem Dandy, scharfzüngiger Beobachter und geschmeidig im Umgang mit Höhergestellten. Die Amerikanerin Lisa Immordino Vreeland hat dem langjährigen Star bei der Vogue, dem Hof- und Hollywoodporträtisten ein 100-Minuten-Andenken gewidmet. Hommage wäre zu einfach ausgedrückt, dafür ist ihr Blick auf den 1904 geborenen Aufsteiger aus gutbürgerlicher Familie zu differenziert. Krisen und Abgründe werden nicht ausgespart, sie waren sogar der Grund für den Film. "Cecil Beaton hat mich interessiert, weil er Schwächen hat. Er ist alles andere als perfekt", sagt die Regisseurin.

Cecil Beaton in Ashcombe in den 1930er Jahren: Vor seiner Kamera hinterließen die Stars einen bleibenden Eindruck.

(Foto: StudiocanalGmbH / Courtesy of a Private Collection)

Die Faszination für schwierige Persönlichkeiten begleitet sie schon länger. Die 54-Jährige hat hochgelobte Dokumentationen gedreht über die Mäzenin Peggy Guggenheim oder über Diana Vreeland, legendär exzentrische New Yorker Moderedakteurin (und Großmutter des Ehemanns der Regisseurin, was den Zugang zu Archiven erleichterte).

Alles andere als perfekt: Wer "Love, Cecil" gesehen hat, den lässt diese Formulierung quasi stellvertretend für den Helden der Geschichte zusammenzucken. Genau das ist ja sein wunder Punkt gewesen: Makellos und strahlend wollte Cecil Beaton, Sohn eines Holzhändlers aus Hampstead, sein Leben lang sein. Gelegenheiten, diese Rolle zu üben, hat er sich ausgiebig verschafft. Beaton schoss mit geradezu manischem Eifer Selbstporträts. "He was staging himself", heißt es im Film, er hat sich selbst aus- und auf eine Bühne gestellt.

Rollenspiele, das Theater, die Schminkutensilien der Mutter: Schon als Kind findet er Gefallen an Methoden der Verwandlung. Als Cambridge-Student und Mitglied einer Partytruppe reicher, versnobter Pseudo-Bohemiens, der "Bright Young Things", inszeniert er sich (und nebenher auch die anderen) als genialisch, überspannt und von früh bis spät gut gekleidet. Weißes Sportdress, gern knapp geschnitten, klassische Bundfaltenhosen oder Frauenkleider samt Federboa für den Abend sind bevorzugte Looks. "Aber wer war ich wirklich?", raunt zu den Fotos eine Stimme aus dem Off - der Schauspieler Rupert Everett spricht in Immordino Vreelands Film die Passagen aus Beatons Tagebüchern. Antwort: "Ich wünschte, ich hätte es gewusst."

Das berühmte Bild der störrischen Katharine Hepburn, von Cecil Beaton 1935 für Vanity Fair fotografiert.

(Foto: Cecil Beaton/Conde Nast Collection/Getty Images)

Der Mode- und Society-Fotograf als Suchender, innerlich zerrissen: Das macht die Figur Beaton so interessant. In einer Zeit gnadenloser Optimierung, in der Krisen via Online-Coach geräuschlos aus dem Weg geschafft werden, sei der Blick ins Innere eines zutiefst Unsicheren berührend, sagt die Regisseurin. "Ich glaube nicht, dass die Menschen nur Geschichten über Leistungen und Erfolg sehen wollen. Das Leben besteht aus viel mehr Facetten."

Tagebücher voller Sottisen: Marlene Dietrich nannte er eine "mechanische Puppe"

Cecil Beaton, der 1980 starb, hat bis zum Schluss mit seiner Mittelstandsherkunft gehadert und fast verzweifelt nach Anerkennung in obersten Kreisen gestrebt. Er hatte Affären, doch seine große Liebe, zu dem Kunstsammler Peter Watson und zu dem Über-Star Greta Garbo, blieb jeweils unerfüllt. Ein elegischer Grundton liegt über dem Film, vor allem in den Szenen, die Immordino Vreeland in Beatons Refugium Ashcombe House gedreht hat, einem Herrenhaus von verträumter Schönheit (und heute im Besitz von Guy Ritchie).

Als Künstler war Beaton ein witziger Illustrator, was kaum bekannt ist. Und unschlagbar in seinem ureigenen Metier als genialer Selbstdarsteller - der theatralischen Fotografie. Er hob sein Subjekt auf ein unsichtbares Podest, ohne dass das Arrangement aufgesetzt wirkte. Ob es die Mannequins in den unzähligen Modestrecken sind, hindrapiert als Licht-und-Schatten-Wesen oder mit übergestülpten Glaskuppeln wie seltene Gewächse. Oder seine Porträts aus Hollywood, auf denen er Stars wie Gary Cooper oder die Garbo in scheinbar natürlichen Posen doch in eine unerreichbare Ferne rückt. Um den typischen Beaton-Glamour zu erreichen, wird allerdings auch großzügig retouchiert.

Als Hoffotograf der Windsors dokumentiert der Brite die Krönung von Queen Elizabeth II. Es war seine Rückkehr auf die internationale Bühne, nachdem ihn die Vogue 1938 wegen antisemitischer Skizzen gefeuert hat. Ein rätselhafter Vorfall, den auch der Film nicht restlos aufklärt. Beatons unheroische Kriegsfotografien aus den Vierzigerjahren gelten bis heute als wegweisend. Später setzt er noch eine Karriere als Filmausstatter drauf und heimst für die Kostüme von "My Fair Lady" 1964 einen Oscar ein.

Gefürchtet war der Mann, der so wunderbar blasiert schauen konnte, als Schreiber, seine Tagebücher stecken voller Sottisen. Er nannte Marlene Dietrich eine "mechanische Puppe" oder beschimpfte das Duo Elizabeth Taylor/Richard Burton als entsetzlich vulgär. Vielleicht waren solche Ausbrüche das Gegengewicht zur Suche nach "aesthetics", als die Beaton sein Gesamtwerk bezeichnet hat. Das Leben als Langzeitstudie der Schönheit - das ist bedenkenswert in Zeiten, in denen wir ein Kornfeld im Gegenlicht auf Instagram schnell mal als bildschön bezeichnen.

Dass Cecil Beatons Ausdauer über irdische Maße hinausging, hat sein Kollege, Bewunderer und liebster Feind David Bailey betont. Der Fotograf gehört zu den amüsantesten Zeitzeugen, die in Immordino Vreelands Film zu Wort kommen. Die beiden mochten sich nicht, schätzten einander aber, so sagt es zumindest Bailey. Der gute Cecil könne dazu nun nichts mehr sagen, erklärt er. Und mit Blick gen Himmel: Der sei ja jetzt da oben "und dekoriert das Vorzimmer Gottes"

Literaturtipp: "The Essential Cecil Beaton. Photographien 1920 - 1970", 320 Seiten, 265 Abbildungen, erschienen bei Schirmer und Mosel.