Fashionspießer zu umgeschlagenen Hosen Krempeln gegen die Krise

Wie schützt Man(n) sich effektiv gegen eine Krise? Durch Hose hochkrempeln. 

(Foto: Daniel Hofer)

In unsicheren Zeiten krempeln Männer ihre Hosenbeine hoch. Das sieht nicht besonders gut aus, dient aber wohl der eigenen Sicherheit. Eine Modekolumne.

Von Jana Stegemann

Die Zeit, in der wir leben, ist aus wirtschaftlicher Sicht kaum zu ertragen. Alles hat mit der US-Immobilienkrise begonnen, die schuld an der Bankenkrise war und sich zur weltumspannenden Finanzkrise auswuchs. Weiter ging es mit der Euro-Krise, beispielhaft dargestellt an Griechenland-Misere und dem haarscharf abgewendeten Zypern-Zusammenbruch. Hinzu kommt der fiese Winter, der verantwortlich ist für mies gelaunte Kollegen und erforene Babyhasen.

Kein Wunder also, dass immer mehr Männer nicht nur die Ärmel hochkrempeln, sondern auch die Hosenbeine, um sich instinktiv vor dem Krisenwasser zu schützen, das ihnen offenbar noch nicht bis zum Hals, aber bereits bis zur Wade reicht. So scheint die Länge einer Männerhose zum Gradmesser der aktuellen volkswirtschaftlichen Situation zu werden.

An Universitäten und in Büros laufen haufenweise Männer herum, die aussehen, als sei ihr größtes Vorbild Huckleberry Finn, der junge Landstreicher aus Mark Twains Roman. In einer Latzhose mit hochgekrempelten Beinen floh er zusammen mit dem Waisenjungen Tom Sawyer vor seinem gewalttätigen Vater. Das ging natürlich besser mit kurzer als mit langer Hose. Zumal Finn und Sawyer die meiste Zeit am Ufer des Mississippi oder auf Flößen unterwegs waren.

Königliche Krempel

Salonfähig gemacht hat das Hochkrempeln von Hosenbeinen bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts der britische König Edward VII., ältester Sohn der Jahrhundertkönigin Victoria. Wenn er sich nicht gerade mit seinen unzähligen Mätressen vergnügte, zu denen auch die Urgroßmutter von Camilla Parker Bowles zählte, ging "Bertie" mit Vorliebe auf den Golfplatz. Da dieser Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht so akkurat gestutzt war wie heute und an einigen Stellen tiefe Löcher aufwies, soll der Monarch kurzerhand seine Hosen hochgekrempelt haben.

Zwar gilt eigentlich sein Enkel Edward VIII., nach seiner Abdankung - aufgrund der geplanten Heirat mit der dann zweifach geschiedenen amerikanischen Society Lady Wallis Simpson - zum Duke of Windsor degradiert, als modisch versiertestes Mitglied der britischen Königsfamilie, doch die Krempel gehen dennoch auf das Konto seines Großvaters "Bertie". Die Praktikabilität gibt dem Monarchen recht, aber ob diese Maßnahme auch in ästhetischer Hinsicht die beste Lösung für den beleibten Regenten war, bleibt fraglich. Immerhin wird durch Krempel optisch die Gesamtlänge des Körpers verkürzt.

Egal wie man krempelt, breit oder schmal, es ist alles eine Frage der Körpergröße. Bei großen, schlanken Menschen sehen hochgekrempelte Hosen gut aus. Bei allen anderen ist das Krempeln nicht gerade vorteil- oder schmeichelhaft und lässt den Träger im Büro schnell lächerlich wirken. In der Uni mag dieser Trend noch halbwegs tragbar sein. Aber seien wir ehrlich: Männer mit hochgekrempelten Hosen sehen an fast jedem Ort aus wie übergroße Babys.

Kindliche Krempel

Das mag damit zu tun haben, dass das Krempeln von Hosen seinen Ursprung in der Kindheit hat. Bevor Kleinkinder an Nordseestränden oder Ufern von Badeseen ihre ersten unsicheren Schritte machen dürfen, wird ihnen von fürsorglichen Müttern und Vätern die Hose hochgekrempelt, um das Kleidungsstück vor Nässe und Schmutz zu bewahren. Viele Männer haben sich diese elterliche Schutzmaßnahme bis ins Erwachsenenalter bewahrt - mit dem einzigen Unterschied, dass nicht mehr Mami und Papi die Krempelarbeit erledigen, sondern der moderne Mann selbst Hand anlegt.

Seien wir ehrlich: Die hochgekrempelte Hose eignet sich eigentlich nur für Wattwanderungen und Strandspaziergänge. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass sich die wirtschaftlichen Zeiten bessern und der Euro zur alten Stabilität zurückfindet - so können die Männer beginnen, ihre Beinkleider wieder hinunterzukrempeln. Bis zur nächsten Krise.