Fashionspießer zu Turnbeuteln Säcke voller Traumata

Als Letztes in die Völkerballmannschaft gewählt, Wettrennen mit Medizinball, gescheitert am Reck: Turnbeutel sind bis oben hin gefüllt mit Schreckenserinnerungen an die Schulzeit. Und trotzdem finden es derzeit manche Zeitgenossen cool, sie sich auf den Rücken zu schnallen. Wie konnte das passieren? Eine Modekolumne.

Von Lena Jakat

Rein in den Schrank und vergraben, ganz hinten bei dem doofen alten Teddy, einen Stapel Bettwäsche darüber drapiert. Und schon klingelt es an der Tür. Puh, das war knapp. Landauf, landab verstecken Drittklässler wie Paul ihre neongelben Radlerhosen und Sparkassen-Werbe-T-Shirts in den dunkelsten Ecken ihrer Kinderzimmer. Denn Pauls 20-jähriger Cousin Sven hat seinen Besuch angekündigt und es darauf abgesehen. Nicht auf die Sportklamotten an sich, natürlich. Sondern auf deren Behälter. Dieses rechteckige Ding, das oben mit zwei Schnürchen zusammengezogen wird, von denen jede an einer der unteren Ecken des Rechtecks befestigt ist. Ein Turnbeutel eben.

Mit zuckersüßem Lächeln und Fairtrade-Schokoriegeln aus dem Weltladen versucht Sven dem Achtjährigen seinen Turnbeutel abzuluchsen. Als Tauschware hat er außerdem einen ganzen Packen Stofftüten mitgebracht, die er aber nicht Stofftüten nennt, sondern "Ute" oder so. "I love Kreuzberg", steht auf diesen Tüten. Oder "My other bag is Chanel". Was soll der Unsinn? Wer zum Teufel ist Chanel? Paul mag keine Mädchen. Und schon gar nicht mag er seinen Turnbeutel mit der Raumschiffflotte gegen so ein langweiliges Ute-Ding eintauschen.

Miss Hipster

Cousin Sven muss also unverrichteter Dinge abziehen und sich damit abfinden, dass er noch immer nicht so richtig dazugehört. Zu den hippen jungen Menschen beiderlei Geschlechts, die in den angesagten Stadtteilen der Republik durch die Straßen schlendern und dabei Turnbeutel mit sich herumtragen. Nicht über der Schulter - was wäre das für ein Fauxpas!-, sondern je ein Schnürchen um jedes Oberärmchen geschlungen. Wie bei einem Rucksack. Die Rückenbeutelträger wollen so nicht zum Sport, nicht in die gammelige Schulturnhalle, noch nicht einmal ins Yoga-Studio. Das wäre auch völlig utopisch, schließlich würden sich Sportsachen in Erwachsenengröße kaum in dieses Beutelchen stopfen lassen.

Nein, sie tragen die Teile, als wären sie Miss Ohio und der Turnbeutel ihre Schärpe. Ihre Medaille. Als stünde darauf: "Auszeichnung für außerordentliche Heldentaten zur Rettung der Coolness."

Vokuhila-Mode und andere Stilunfälle

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Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Reichte es nicht, dass plötzlich die Jutebeutel, die grün-alternative Eltern kommodenweise gehortet hatten (eher hätten sie auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause zehn Joghurtbecher fallenlassen als zu Tüten aus Plastik zu greifen), zum Erkennungszeichen des urbanen Trendsetters wurden? Muss der Turnbeutel jetzt auch noch aus der Mottenkiste gekramt werden?

Paul mag ja seine Freude an den aufgedruckten Sternenkreuzern haben. Aber in ihrer Eigenschaft als Turnbeutel ist ihm das Teil wie allen vernünftigen Menschen verhasst. Ist es doch bis zum Rand gefüllt mit Traumata - aus dem Schulsport. Erinnerungen an die Stunde, in der man wieder mal als Letzter in die Völkerballmannschaft gewählt wurde. An den Tag, als man sich athletisch auf das Reck schwingen sollte und dann doch nur wie ein nasser Sack an der Stange hing. Als man vom Mitschüler absichtlich den Gymnastikball ins Gesicht bekam. Und dann war da noch diese doofe Ziege mit der Zahnspange...

Selbst wenn die Sportsachen mal - ganz aus Versehen natürlich - zu Hause vergessen wurden, blieb der Schrecken nicht aus. Denn unter Garantie klopfte ein Elternteil rechtzeitig an die Klassenzimmertür und überreicht mit warmen Worten und mitleidigem Lächeln das verhasste Teil. Was für eine öffentliche Demütigung!

Es kommt was auf uns zu

Turnbeutel sind Reminiszenzen an diese dunkelsten Tage unserer Schulzeit, an ein unhinterfragbares, hierarchisches System, das wir Gott sei Dank längst hinter uns gelassen haben. Warum sollten wir uns all die schauderlichen Erinnerungen aus der dritten Klasse wieder auf den Rücken schnallen? Das wäre ja, als würden wir uns freiwillig den Kragen aus Spitzenstoff umbinden, den wir damals zu jedem Besuch bei Tante Marga ... Moment. Als würden wir das zeltgroße Sweatshirt aus der sechsten Klasse, als alle Pickel hatten und nach Tropical-Deo stanken, wieder ... Halt!

Offensichtlich steckt in so manchem Trend ein nostalgisches Moment, das durchaus masochistische Dimensionen annehmen kann. Um unsere Zeit zu überholen, um ihr auch mal voraus zu sein, sollten wir also innehalten und uns fragen: Welche Stücke unserer Vergangenheit tun mehr weh als Turnbeutel, Spitzenkragen und Riesensweater? Das Mickey-Maus-T-Shirt? Muttis Schulterpolster-Parka in Schlamm-Metallic? Oder Opas Herrenhandtasche?

Sven, wirf deinen Turnbeutel weg! Da kommt noch was auf uns zu.