Fashionspießer zu schwarzen Lederhosen Panikrocker

Nichts für Feiglinge: Als Frau eine schwarze Lederhose mit Würde zu tragen, ist eine Herausforderung, der sich bisher nur Fetischisten und Tätowierer gestellt haben. Eine Modekolumne.

Von Violetta Simon

Die Lederhose hat es nicht leicht. Mal abgesehen davon, dass bei dem Begriff jeder, einschließlich Google (circa 2,3 Millionen Ergebnisse, die meisten davon zu Trachtenhosen) erst einmal ihren bajuwarischen Widersacher im Kopf hat, leidet sie an einem beträchtlichen Imageproblem. Die lange Lederhose hat eine bewegte Biografie hinter sich, die ihre Eignung zum Mode-Accessoire lange in Frage stellte. Sie war die Uniform von Cowboys, Motorradgangs und Zimmerleuten.

Wenn wir den Berg an Oktoberfest- und Trachtenkostümen beiseiteschieben und uns Richtung USA graben, stoßen wir auf staubiges, wettergegerbtes Leder, getragen von Kerlen, die auf Pferden saßen und Rinder durch die Gegend scheuchten. Wühlen wir ein Stück weiter entlang der Route 66, sehen wir die Easy Rider auf ihren Bikes, deren Lederfransen im Fahrtwind flatterten. Kehren wir zurück nach Europa, treffen wir die Hose auf der Walz. Wobei manche Zimmerleute lieber auf sogenanntes Maulwurfsfell oder Englischleder zurückgreifen - ein kräftiger Baumwollstoff, der sich nur wie Leder anfühlt.

Eine Lederhose mit Würde zu tragen, obwohl man keiner dieser drei Gruppen angehört, ist eine Herausforderung des Alltags, der sich bisher nur Fetischisten und Tätowierer gestellt haben. Weil man darin immer ein bisschen aussieht, als wäre man lieber jemand anders. Oder wenigstens Udo Lindenberg, der ja immerhin einen Panikrocker verkörpert.

Hose für Rockerbräute

Nun haben es in der Vergangenheit auch immer mal wieder Frauen mit der Lederhose versucht. Doch da konnten Suzi Quatro, Helen Schneider oder Tina Turner noch so verzweifelt-verrucht über die Bühne rutschen, es blieb dabei: Die Lederhose kam nie über den Nimbus der kostümhaften Berufskleidung hinaus. Und das nicht obwohl, sondern weil sie die Sache so ernsthaft betrieben. Irgendwie wurde man den Eindruck nicht los, dass sie sich mit dem Leder das Image der Rockerbraut überstreiften, das backstage wieder abgelegt wurde, nach dem Motto: "Privat bin ich ganz anders."

Erst als sie nicht mehr so ernst genommen wurde, fand die schwarze Lederhose den Weg zur modernen Frau. Dabei wurde sie sich selbst ein wenig fremd: Erst entledigte man sie ihrer Nieten und seitlich geflochtenen Schnüre, dann degradierte man sie zur Leggins.

Plötzlich stand sie in der Öffentlichkeit. Und entfaltete dort ihre volle Wirkung. Zum Beispiel am Po von Bar Refaeli, die damit katzengleich einem nachtschwarzen Promi-SUV entstieg. Und natürlich an den Beinen von Nena, die sich auf einem "Voice of Germany"-Sessel zum Schneidersitz verflochten. Die aufgekratzte Dreifach-Oma ist die perfekte Lederhosen-Botschafterin. Ihre Message: Diese Hose macht mich zum Star, wirkt dabei aber nur so glamourös wie nötig. Schließlich soll man mir abnehmen, dass ich noch alle 99 Luftballons beieinanderhabe und trotzdem jederzeit ein Luftgitarren-Solo hinlegen könnte.

Stellt sich die Frage, wie man das gute Stück richtig trägt. Eine Lederhose kommt erst dann zur Geltung, wenn sie verheimlicht, wo sie herkommt und was sie einmal bedeutet hat. Das heißt: keine Nieten, keine Lederschnüre, kein Strass. Aber wird man ihr damit gerecht? Absolut! Schließlich sind wir weder Cowboys noch Rocker - auch wenn wir es hin und wieder gerne wären. Deshalb sollte man der schwarzen Lederhose den Umgang mit ausgelatschten Bikerboots oder gar Cowboystiefeln verbieten. Die Kombination mit einer Lederjacke verbietet sich von selbst. Dafür zeugt es durchaus von Humor, zur Lederhose eine Bluse zu tragen oder gar einen Blazer. Highheels und feuerrote Acrylnägel sind hingegen nur dann eine Option, wenn man Topmodel ist und in dicken Autos vorfährt (siehe Bar Refaeli). Oder zur Jagd geht - als leichte Beute.

Vokuhila-Mode und andere Stilunfälle

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Unbestritten, eine schwarze Lederhose ist eine Ansage und somit nichts für Feiglinge. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass sie bei ihrer Umgebung gewisse Reaktionen auslöst. Und darüber, dass sich diese - je nach Geschlecht - unterscheiden. So reagieren Männer eindeutig positiver auf den Anblick einer Frau in schwarzen Lederhosen, als es deren Geschlechtsgenossinnen tun. Der Ausruf "Da würde ich gerne mal draufklatschen" von einem Mann kann beispielsweise durchaus als unbeholfenes Kompliment verstanden werden. Von einer Frau hingegegen dürfte das eher als Drohung gemeint sein.

Um unnötigen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, empfiehlt sich daher ein Kompromiss, etwa in Form einer Leggins mit einer Vorderseite aus Leder. Damit ist die Rockerbraut zwar nurmehr eine halbe Portion. Dafür kann sie sich, wenn nötig, von ihrer harmlosen Kehrseite zeigen. Und ist an der Front jederzeit bereit - für den Sprung auf die Bühne.