Fashionspießer zu Schlabbershirts Bitte keine Umstände

Zu dick, zu dünn, zu schmal, zu breit: Das Schlabbershirt bietet für jedes Figurproblem die vermeintlich einfachste Lösung. Es könnte aber auch entstanden sein, als irgendjemand ein Loch in ein Zelt schnitt und sagte: Sollen doch alle das hier tragen! Warum lassen sich das so viele gefallen? Eine Modekolumne.

Von Sophia Lindsey

Bestimmt ist die Fachverkäuferin neben der Umkleidekabine schuld. Die mit dem abschätzigen Blick und den latenten Nasenfältchen, die wegen des ewigen Rümpfens einfach nicht mehr verschwinden wollen. Im gelben, unerbittlichen Licht des Kabinenvorraums - auch als Cellulitis-Scheinwerfer bekannt - schnalzt sie missbilligend mit der Zunge und pflegt Minderwertigkeitskomplexe, als seien sie eine besonders schützenswerte Kultur: "Na, Sie sind aber keine Gazelle", sagt sie. Oder: "Darin sehen Sie total mager aus." Manchmal auch: "Dafür bräuchten Sie mehr Dekolleté." Und oft: "Das können Sie nicht anziehen!"

Irgendwann, als sie aus den Untiefen ihres Ladens keine Kleidungsstücke mehr fand, unter denen sie die vorgeblichen Makel ihrer Trägerinnen vor der Öffentlichkeit zu verstecken vermochte, hat sie einfach in ein Zelt ein Loch geschnitten und gesagt: Sollen doch alle das hier tragen! Und die meisten lassen sich das einfach so gefallen.

So könnte das Schlabbershirt entstanden sein. Die Umstandsmode für diejenigen, die nicht in Umständen sind und sich nun plötzlich welche machen sollen. Das Schwangerschafts-Oberteil für alle, die eigentlich nur in freudiger Erwartung eines alltagstauglichen T-Shirts waren. Jetzt aber sind sie geschlagen mit einem unförmigen Überwurf, unter dem locker nicht nur ein, sondern gleich mehrere Säuglinge kampieren könnten.

Nächste Station: Kartoffelsack

Es gibt Kleidung, die Schwangeren nun mal am besten steht. Das Entscheidende: Diese Frauen tragen nicht einfach nur eine unverhältnismäßig weite Garderobe, sondern ein Baby darunter. Denn der einzig erkennbare Schnitt des Schlabbershirts, der oft in einem unglücklichen Neunziggradwinkel auf Brusthöhe besteht, ist für sie essentiell. In dem entstandenen Hohlraum wölbt sich verheißungsvoll der runde Bauch. Doch den haben die meisten Trägerinnen nunmal nicht.

Trotzdem tragen jetzt fast alle Schlabbershirt. Denn egal ob zu breit, zu dünn, zu kleine Brüste, zu große Brüste, zu rund, zu wenig weiblich: Das perfide Kleidungsstück scheint immer eine Lösung parat zu halten. Beharrlich gaukelt es seinen Käuferinnen vor, dass es immer noch besser sei, wenn alle gleich aussähen: wie eine wandelnde Litfaßsäule nämlich.

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Womöglich sind die Besitzerinnen des Shirts auf einen Satz hereingefallen, den Modemacher und Kundenberater irgendwann erfunden haben, um Frauen die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu vermiesen: "Ziehen Sie doch etwas an, das Ihrer Figur schmeichelt." Dieser Rat tut es jedenfalls nicht. Und in diesem Fall lag ein Tipp nie weiter daneben. Er ist bestenfalls Begleiterscheinung des - viel zu häufig erfolgreichen - Versuchs, zu diktieren, wer von welcher Körperstelle wie viel betonen darf.

Das Ergebnis ist nun das Schlabbershirt. Allenfalls sofatauglich. Dafür designt, vermeintliche Problembereiche durch wallende Gewänder zu tilgen. In ihrem Übereifer haben seine Erfinder dabei einfach mal die komplette Figur zum Verschwinden gebracht. Bald werden schmallippige Verkäuferinnen nichtsahnenden Frauen vermutlich Kartoffelsäcke reichen: "Wirklich, das schmeichelt Ihnen!"