Fashionspießer zu Ringelshirts Abgestreift statt kleinkariert

Zuhause auf der Halbkugel der coolen Ringelträger.

Der Gegenentwurf zu kleinkarierter Spießigkeit und Wirtshaustischdecken: Ringelshirts sind ungemein vielseitig und der ultimative Beweis für Modebewusstsein. Oder haben wir das damals in der Schule doch falsch verstanden? Eine Modekolumne.

Von Lena Jakat

Kariert oder liniert? Schon in der Schule stand liniert für die coolen Unterrichtsfächer - Deutsch, Englisch, Geschichte. Mathe, Chemie, Physik dagegen waren: kariert. Wie damals in der 11c teilt die Frage nach Kästchen oder Streifen auch heute noch die Welt in zwei Hälften: Die der Karo- und die der Linienträger. In der einen, der karierten, leben Menschen, die man für weltfremde Genies, für emotional minderbegabt und spaßbefreit hält. In der anderen, der geringelten, lebt der Rest. Jene, die man für besonders intellektuell, cool und modebewusst hält - und zu denen man unbedingt selbst gehören will.

Das Ringelshirt ist das Gegenkonzept zum Karohemd: jugendlich, modern und mutig. Idealtypisch sind seine Streifen marineblau und weiß, nicht zu breit und nicht zu schmal. Was für ein vielseitiges Kleidungsstück! Ein Ringelshirt verwandelt jeden Anzug von der Uniform der entfremdeten Bürosklaven in die lässige Garderobe eines hippen Werbemenschen. Mit Goldknöpfen wird es zur Matrosenuniform. Frauen in Ringel wirken mädchen- und kumpelhaft zugleich, ihre Botschaft: Lass' uns gemeinsam ein Segelboot stehlen!

Bei Männern sagt ein Ringelshirt weniger als tausend Mottoshirts und doch so viel mehr als eintönige Einfarbigkeit. Es sagt: "Sieh her, ich trau mich was." Es sagt: "Mein Träger ist mutig wie ein Freibeuter und weltgewandt wie ein Matrose." Es sagt: "Ich kenne mich aus mit Design und mache am liebsten Urlaub in Stockholm."

Karo dagegen ist klassisch. Klassisch wie Schach, wie englische Reisekostüme, wie Freizeithemden und Wirtshaustischdecken. Wer Karos zeichnen will, braucht einen geordneten Geist, einen gespitzten Bleistift und ein Geodreieck. Karoträger sind kleinkarierte Routineverehrer, Beamte, Spießer. Linienträger sind spontane Abenteurer, Kreative, Individualisten.

Und genau das ist die Krux der zweifarbigen Streifen.

Das Problem des Ringelshirts ist nicht, dass es in gewagter Farbkombination schon mal an Bienen, Zebras oder andere Tierarten erinnert. Mut gehört schließlich zum Modebewusstsein wie "Schiffe versenken" in den Matheunterricht. Das Problem ist auch nicht, dass die Großmutterweisheit von den Querstreifen, die dick machen, zutrifft. Das Problem ist: Ringel tragen kann jeder.

Der Babystrampler, das Käpt'n-Sharky-T-Shirt, das Oversize-Oberteil mit pinken und orangenen Streifen, das finnische Ringelkleid, die Gucci-Seidenbluse im Matrosenlook, der Ringelpyjama: Querstreifen von der Wiege bis zu Bahre, vom Mittagsschlaf bis zum One-Night-Stand. Irgendwo mittendrin ist der ganze zwischen die Streifen gequetschte Individualismus verloren gegangen.

Denkt man über die Leute nach, die damals in der Schule Karoheften und deren Inhalt den Vorzug gegeben haben und heute Forschungsprojekte zur Energiewende leiten - oder gleich irgendwelche Unternehmen -, beschleicht einen mitunter der leise Zweifel, ob die Einteilung in Gewinner und Verlierer damals so korrekt war. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, ob nicht auch die Karos im Kleiderschrank eine zweite Chance verdient haben.