Fashionspießer zu kurzen Jeans Baby, pack deine Taschen ein

Taschen, die aus Hosen lugen: rotzig statt sexy

(Foto: Daniel Hofer)

Schon Baby aus Dirty Dancing wusste in kurzen Jeans zu bezirzen. Was heute in den Metropolen dieser Welt getragen wird, gibt dem Wort "kurz" jedoch eine ganz neue Dimension. Spätestens wenn die inhaltsleeren Hosentaschen unten heraushängen, stimmt irgendetwas nicht.

Von Antonie Rietzschel

Sie erinnern an Mädchen-Abenteuer auf dem Ponyhof, an Wassereis im Schwimmbad und an Dirty Dancing: Kurze ausgefranste Jeans. Selbst wenn nicht alle Frauen früher Pferdemädchen waren oder wie Frances "Baby" Houseman ihre Ferien in amerikanischen Urlaubsresorts verbracht haben, holen sie sich mit den blauen Shorts ein Stück unbeschwerte Jugend zurück - Sonne auf der Haut, zirpende Grillen in lauen Nächten, die erste große Freiheit und sorglose Tage am See.

Dass man es mit der wiederbelebten Sorglosigkeit auch übertreiben kann, zeigt sich in diesem Sommer: An jeder Ecke stehen "Babys" in kurzen Shorts. Doch irgendwie scheint ihnen das richtige Maß abhanden gekommen zu sein. Die Hosen sind so kurz, dass die Innentaschen unten aus den Hosenbeinen - oder dem was von ihnen übrig ist - heraushängen. Plötzlich steht da nicht mehr eine Frau, die unbeschwert wie ein Pferdemädchen den Sommer genießt, sondern eine nörgelige Rotzgöre. Mit den Zipfeln ihrer inhaltsleeren Hosentaschen schreit sie die Welt an: "Ich bin pleite, kauf' mir sofort ein Eis."

"Ich will, ich will, ich will" nörgeln die Taschen und gehen damit den Menschen in ihrer Umgebung auf die Nerven. Ihre Trägerinnen haben etwas verwechselt und sich den falschen Teil ihrer Kindheit zurückgeholt - einen, den man spätestens mit der Pubertät hinter sich gelassen haben sollte. Sie machen nicht auf Landmädchen, sondern auf Lolita. Und vergessen, dass das ab einem gewissen Alter nicht mehr funktioniert.

Damit die Taschen herausschauen können, müssen sie entweder sehr lang oder die Hosenbeine sehr kurz sein. Die meisten Shorts-Fans entscheiden sich für Letzteres. Selten zeigten Frauen freiwillig so viel Gesäß, wie jetzt. Der Po sei das neue Dekolleté, sagen sie zu ihrer Verteidigung. Und der Betrachter fragt sich, warum sie überhaupt noch eine Hose angezogen haben, wenn diese doch eh komplett unter dem T-Shirt verschwindet.

Insofern machen die herausguckenden Taschen womöglich sogar Sinn: Verschiebt sich die Hose beispielsweise beim Fahrradfahren noch weiter nach oben (kaum vorstellbar, aber möglich), kann die Trägerin sie an den Taschenzipfeln wieder herunterziehen. Dass ein wenig mehr Stoff an der richtigen Stelle - am Bein, nicht an der Tasche - dieses Dilemma auflösen würde, sei hier, ohne besserwisserisch klingen zu wollen, angemerkt.

Hosen und Beziehungsverhältnisse

Wer ständig an seinem Nichts von einer Hose zieht und zupft, der ist eindeutig die entscheidenden zehn Zentimeter (Stoff) am Ziel des Shorts-Tragens vorbeigeschossen. Der ist nicht entspannt und erinnert weder sich noch andere an Ferien auf dem Bauernhof. Was wir daraus lernen: Mit zu kurzen Hosen, tut sich Frau keinen Gefallen. Und wer nicht riskieren will, wie eine 16-jährige Pubertierende zu wirken, der lässt besser auch von heraushängenden Taschen die Finger.

Schließlich kommt selbst Dirty-Dancing-Baby irgendwann nicht mehr in knappen Jeans-Shorts zu den Tanzstunden mit Johnny. In der berühmten Szene, in der sie auf allen Vieren zu ihm hinüber krabbelt, trägt sie ein wesentlich längeres Modell. Ein erwachseneres. Den Spitznamen wird sie zwar trotzdem nicht los - aber als Johnny am Ende die Beziehungsverhältnisse klarstellt ("Mein Baby gehört zu mir"), hat das doch einen ganz anderen Klang.