Fashionspießer zu Kurzarmhemden Ein Bier, Herr Schaffner!

Nicht zu weit geschnitten und locker über die Hose getragen, ist das Kurzarmhemd in der Freizeit akzeptabel. Als Businessgarderobe jedoch ist es ungeeignet.

(Foto: Daniel Hofer)

In einem Kurzarmhemd gut auszusehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, eine Aufgabe, der niemand gewachsen ist. Menschen in solchen Hemden gehören auf eine Insel, die nur von Menschen in solchen Hemden betreten werden darf.

Von Violetta Simon

Es gibt Kleidungsstücke, die besitzen einfach keine Würde. Neben Männershorts, Leggings und Flipflops trifft das vor allem auf Kurzarmhemden zu. Man kann es drehen und wenden wie man will, da wird einfach nichts Ansehnliches draus.

Ein Kurzarmhemd hat stets etwas Unvollständiges. Was will man auch erwarten von einem Produkt, das durch Weglassen zweier halber Ärmel entstanden ist? Immerhin eines kann das Ding: Es illustriert den Begriff "hemdsärmelig" auf das Vortrefflichste.

Wäre es ein Experte, es würde inkompetent wirken. Wäre es ein Gericht, es fehlte das Salz. Als Fahrradreifen wäre es nicht aufgepumpt. Und wäre es der Fingernagel einer lieben, hilfsbereiten Person, würde es die juckende Stelle mitten am Rücken knapp, aber beharrlich verfehlen. Mit anderen Worten: Das Kurzarmhemd gehört zu den Dingen, die einen entweder zu Tode langweilen, ständig im Stich lassen oder in den Wahnsinn treiben.

Wie bei den meisten Kleidungsstücken, deren Sinn es ja ist, eine gewisse Haltung auszudrücken, fällt auch die Wirkung des Kurzarmhemds auf seinen Träger zurück. Die herausragendste ist wohl, dass ein Mann darin aussieht, als hätte ihn Mutti eben noch schnell angezogen und aus dem Haus geschubst. Kein Wunder, dass das Kurzarmhemd gemeinhin als Montur des Bürospießers verspottet wird.

Dabei strahlt es vor allem eine Botschaft aus: Mein Träger wäre jetzt lieber woanders. (Dabei sollte es doch das Hemd sein, das besser nicht hier wäre.) In welcher Variation auch immer, ein Mann im Kurzarmhemd ist nie ganz bei sich.

Trägt er an einem besonders heißen Tag ein weißes Exemplar, wird er zwar zunächst erfreute Blicke und erregtes Winken ernten. Doch im nächsten Moment wird er erkennen, dass diese dem Kellner galten, für den man ihn hielt. Spätestens, wenn er in die enttäuschten Gesichter der Kollegen blickt, weil er sich außerstande sieht, ihnen ein eiskaltes Bier zu servieren, wird er seine Kleiderwahl bereuen.

Hellblaue Kurzarmhemden mögen auf den ersten Blick die bessere Wahl im Berufsleben sein, denn sie verleihen dem Träger die Erscheinung eines Busfahrers und stehen somit für Mobilität. Doch wer will schon an eine Berufsgruppe erinnern, die sich vorwiegend durch Mundfaulheit, schlechte Laune und Sitzbauch auszeichnet?