Fashionspießer zu Knöpfen auf dem Rücken Verflickt und zugeknöpft

Da hat sich wohl jemand in der morgendlichen Eile falsch herum angezogen. Oder? Auf dem Rücken geknöpfte Oberteile lassen nicht nur an der Zurechnungsfähigkeit der Trägerin zweifeln - sie dienen auch als Grundlage modischer Verschwörungstheorien. Obwohl sie eigentlich recht hübsch anzusehen sind.

Von Felicitas Kock

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie zum ersten Mal ein hinten geknöpftes Oberteil gesehen haben? Wahrscheinlich waren Sie höchst erstaunt. Da steht tatsächlich eine falsch rum angezogene Frau, haben Sie sich gedacht und sich dann womöglich verwundert die Augen gerieben. Vielleicht hatte die Trägerin morgens so wenig Zeit vor dem Kleiderschrank, dass sie in der Eile durcheinander gekommen ist? Oder es war dunkel in der Wohnung, Stromausfall. Flugs ging es hinein in die Klamotten und raus aus dem Haus - und dann den ganzen Tag verkehrt herum durch die Stadt.

Vielleicht haben Sie sogar darüber nachgedacht, ob Sie mit einem freundlichen "Hallo, Sie haben Ihr Oberteil falsch rum an" einschreiten sollten. Ein bisschen Zivilcourage zeigen, an Ort und Stelle eine gute Tat vollbringen. Doch dann haben Sie sich die gleiche Frage gestellt, wie jeder, der mit Brokkoli zwischen den Zähnen, Kugelschreiberstrichen im Gesicht oder dem offenen Hosenschlitz des Gegenübers konfrontiert wird: Wird der Gesprächspartner nun pikierter sein, wenn man etwas sagt - oder wenn man schweigt und er seinen Makel erst nach mehreren Geschäftsterminen beim nächsten Blick in den Spiegel bemerkt?

"Ich bin überaus experimentell"

Was also, wenn die verkehrt herum angezogene Frau heute den wichtigsten Termin ihres Lebens hat? Wenn sie sich zum Beispiel für einen lukrativen Job bewirbt? Vielleicht würde sie bald nach London versetzt werden. Vielleicht würde sie dort die Liebe ihres Lebens treffen, drei Kinder bekommen, eine NGO gründen und den Rest ihres Lebens glücklich und zufrieden in England leben.

Und all das wird jetzt vielleicht nichts, weil Sie sich nicht trauen, etwas zu sagen!

Dann dreht sich Frau Knopfleiste um und mit einem Schlag sind Sie überzeugt, dass sie jeden Job der Welt bekommen würde. München, 20 Grad, Neonlicht in der S-Bahn: Die Bluse sitzt perfekt. Weder hängt die Schulterpartie merkwürdig herunter, noch ragt ein Etikett vorne aus dem Halsausschnitt. Und da wird Ihnen klar: Das mit den Knöpfen auf dem Rücken ist Absicht. Und es ist noch mehr. Die Frau will mit dieser Bluse etwas aussagen: "Ich bin total individuell! Und überaus experimentell!" In so einer verkehrt herum getragenen Bluse muss ein ganz besonderer Mensch stecken. Einer, der seinen eigenen Kopf hat. Nur tote Koikarpfen schwimmen mit dem Strom.

Vokuhila-Mode und andere Stilunfälle

mehr...

Doch obwohl der Falsch-rum-Style bisweilen recht hübsch und sein mag - ganz gleich, ob es sich um eine Bluse oder eine Strickjacke handelt -, hat er nicht nur Knöpfe, sondern auch Haken. Die Tatsache, dass das Anlehnen mit Knöpfen im Rücken nach einer Weile Schmerzen verursacht und zur Sitzhaltung einer viktorianischen Gouvernante zwingt, sei hier nur am Rande bemerkt.

Es gibt Verschwörungstheoretiker, die munkeln, dass es sich bei hinten angebrachten Knopfleisten um ein Geheimzeichen aller Nicht-Alleinlebenden handelt. Die Freimaurer hatten Zirkel und Winkel, die Illuminaten Pyramiden - Frauen, die in Beziehungen leben, tragen Knöpfe auf dem Rücken. Eine Theorie, die besonders im Anbetracht engerer Verkehrt-herum-Oberteile einleuchtet. Denn wie sollte ein alleinlebender Single das zwangsjackengleiche Wunderding hinten zuknöpfen, ohne sich dabei fürchterlich zu verrenken? Wenn Sie also eine Person mit leidend verzogenem Gesicht in einem hinten geknöpften Oberteil sehen, hat sie vermutlich versucht, sich in ein Kleidungsstück zu manövrieren, das allein Frauen mit im selben Haushalt lebendem Partner vorbehalten ist. Und solche Versuche werden dann eben - Verschwörung - mit Kreuzschmerzen bestraft.

Mehr Mitleid als Interesse

Der zweite Haken wurde eigentlich schon beschrieben, aber noch nicht als Problem thematisiert. Ein Kleidungsstück kann von vorne noch so schön sein - wenn der Betrachter von hinten an der Fähigkeit der Trägerin zweifelt, sich ordentlich anzuziehen, ist das selten ein Zeichen dafür, dass das Stück besonders gut ankommt. Es weckt Interesse, aber eher in einem mitleidig-verwunderten als in einem positiven Sinn. Irgendwie geht die Sache nicht ganz auf. Wobei das bei Knöpfen auf dem Rücken vielleicht auch besser ist.

Im Besten Fall lernt Frau Knopfleiste jemanden kennen, der sie anspricht, weil er Zivilcourage beweisen und sie vor einem Bewerbungs-Debakel bewahren will. Sollte sie Single sein, wird sie sich womöglich sogar darüber freuen - dann kann er ihr noch am gleichen Abend den schmerzenden Rücken massieren und ihr am folgenden Morgen in die umgekehrte Bluse helfen.