Fashionspießer zu Halstüchern Auf zur Treibjagd

Malaikaraiss Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 BERLIN , GERMANY - JANUARY 15: A model walks the runway at the Malaikaraiss Show during Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 at Brandenburg Gate on January 15, 2014 in Berlin, Germany. (Photo by Peter Michael Dills/Getty Images for IMG)

Das Halstuch feierte auf der Fashion Week sein Comeback. Überall wird geknotet, gebunden und gewickelt. Ein Trend, den man nicht mitmachen muss. Kinder wehren sich schließlich auch. Eine Modekolumne.

Von Sonja Salzburger

In den vergangenen Jahren wurde das quadratische Stoffstück Pfadfindern, Stewardessen und Cowboys überlassen - nun soll es auch den Hals der modebewussten Frau zurückerobern. Egal ob Achtland, Malaikaraiss, Kilian Kerner oder Lala Berlin: Kaum ein Label, das gerade nicht der Meinung ist, es könnte den Look seiner Models mit einem klassischen Halstuch zerstören, Verzeihung: komplementieren.

Modebloggerinnen begrüßen das Revival dieses Accessoires und kündigen an, sich gleich ein neues Tuch zuzulegen oder zumindest das alte wieder aus dem Schrank zu kramen. Liebe Modemädchen, muss das sein? Denkt an eure Vorbildfunktion! Selbst wenn es der einen oder anderen von euch gelingen sollte, mit dem Halstuch nicht wie eine Stewardess zu wirken, werden viele andere, etwas weniger modeaffine Frauen scheitern. Wollt ihr das?

Unangenehme Kindheitserinnerungen

Ein Halstuch in V-Form erinnert an die eigene Kindheit, als Mama einem morgens um halb acht schnell noch ein Tüchlein um den Hals schnürte, damit man trotz frühlingshafter Temperaturen auf dem Schulweg keine Halsschmerzen bekam. Weil Mama es besonders gut meinte, war das Tuch oft viel zu eng geknotet und man bekam es mit den ungeschickten Kinderhänden nur schwer gelockert. So war man den ganzen Morgen damit beschäftigt, an dem ungeliebten Ding herumzuzerren, bis man endlich wieder richtig Luft bekam. Auf dem Nachhauseweg knotete man sich das Tuch dann oft selber und ups - wie schnell so ein Stück Stoff doch vom Hals rutscht, auf den Gehweg flattert und es nicht mehr mit nach Hause schafft. Am Mittagstisch hieß es dann schuldbewusst: "Tut mir leid, Mama. Schon wieder ein Tuch verloren. Habe ich gar nicht gemerkt."

Ein paar Jahre später änderte sich die Einstellung gegenüber diesem Stück Stoff. Da gab das Halstuch dem Outfit im Reitstall den letzten Schliff. Doch die Reitschule ist lange vorbei.

Wer sich anschließend in seiner Jugend als Punk versuchte, der schmückte sich mit einem Pali-Tuch. Viele wollten mit den schwarzweiß gemusterten Tüchern nicht ihre Haltung zum Nahostkonflikt ausdrücken, sondern einfach Teil einer Jugendbewegung sein. Das ist okay - zumindest, wenn man erst 16 ist.

Aus der Zeit gefallen

Greift jedoch eine erwachsene Frau zum Halstuch, könnte der Blick des Gegenübers diskret zu ihren Schuhen wandern, um sich zu vergewissern, dass an den Sohlen nicht noch das Blut von der letzten Treibjad klebt. Vor ein paar Jahren hätte das Halstuch der Frau vermutlich Respekt verschafft. Aber heute verwandelt es jedes Outfit in einen Jägerinnenlook. Der wirkt in Zeiten, in denen viele versuchen, komplett auf Fleisch zu verzichten, wie aus der Zeit gefallen.

Leider ist unbekannt, wie sich die Models auf der Fashion Week mit ihrem Halsschmuck gefühlt haben. Da Models meist mit ernster Miene über den Laufsteg schreiten, sind ihre Befindlichkeiten schwer zu beurteilen.

Babys und Kleinkinder sind leichter zu durchschauen. Sobald man ihnen ein Schlabberlätzchen oder ein Spucktuch umbindet, fangen viele von ihnen empört an zu schreien. Diese eindeutige Reaktion haben die Models auf der Fashion Week auf das Halstuch-Revival nicht gezeigt. Schade eigentlich.