Fashionspießer zu Knöchelschmuck Träume in Kettchen

Wichtiges Accessoire für Träumerinnen: das Fußkettchen

(Foto: Daniel Hofer)

Wer braucht schon wirklich einen indischen Ashram, einen feurigen Zigeunerjungen oder die engen Gassen von Rom? Ein Fußkettchen reicht doch schon. Finden zumindest die Romantikerinnen unter uns. Eine Modekolumne.

Von Lena Jakat

Klingelingeling, klingelingeling, hier kommt ... nicht der Eiermann. Nicht der Postbote. Sondern die Janine. Seit sie im Shanti-Shop an der Ecke dieses bronzefarbene Fußkettchen mit Glöckchen erstanden hat, braucht sie weder Fahrradklingel noch den Facebook-Messenger, um ihren Freunden ihre baldige Ankunft mitzuteilen. Sie ist nicht mehr zu überhören.

Doch noch viel wichtiger als die akustische Außen- ist die symbolische Innenwirkung. Dank des Fußkettchens fühlt sich Janine jetzt in vielerlei Hinsicht besonders: So begehrenswert wie die Hauptdarstellerin eines Bollywood-Schmachtfetzens, so abenteuerlustig wie Hermann Hesse auf seiner Indienreise und so mit sich selbst im Reinen wie Siddharta Gautama höchstselbst. Und das alles für 7,99 Euro!

Fußkettchen, ob in ihrer radikalsten Form mit Glöckchen oder ohne, scheppern, rascheln und baumeln dieser Tage wieder an zahllosen Frauenfesseln. Sie sind, wie Rosamunde-Pilcher-Filme, Shades-of-Grey-Romane, geblümte Hosen oder Cupcakes mit rosa Glitzercreme: kleine romantische Fluchten für die alltagsleidgeprüfte Großstädterin.

Es muss dabei auch nicht immer Indien sein. Da ist das Kettchen mit den Blechmünzen, das seine Trägerin per Tagtraum in die ungarische Puszta beamt, zu ausgelassenen Volkstänzen und dem Zigeunerjungen, Zigeunerjungen (er spielt am Feuer Gitarre). Das Kettchen mit dem vierblättrigem Kleeblatt, dem kleinen Stöckelschuh und dem Emaille-Herzchen versetzt sie in aufregende Teenagertage, die nach Nivea-Creme riechen und nach süßem Kaugummi. Und das schlichte Goldkettchen mit der Plakette war ein Geschenk von ... hach, dieser Sommer in Rom!

Kurz: Fußkettchen sind für Träumerinnen. Dessen sollten alle Frauen gewahr sein, wenn sie jetzt behängen, womit sie sonst so fest im Leben stehen. Sie sollten, den linken Fuß auf den Waschbeckenrand, den rechten auf dem Badvorleger und mit den Fingernägeln am Sicherheitsverschluss nestelnd, innehalten und sich fragen: Bin ich in meinem tiefsten Inneren nicht doch eine Romantikerin? Und ist das vielleicht sogar gut so?

Wer sich nicht sicher ist, sollte mal seine heimlichen Vorlieben für Peace-Anhänger und Internetvideos von spektakulären Hochzeitsanträgen überprüfen. Denn so wenig die Heiratsantragsvideoguckerin es fertigbringt, sich für ihren Langzeitfreund so eine Choreografie / so ein Gemälde / so ein Liebesgeständinis auszudenken und so wenig die Hippie-Anhänger-Trägerin - echt jetzt - in einer Kommune leben will, genauso wenig plant Janine ernsthaft eine Reise in einen indischen Aschram.

Aber warum denn eigentlich nicht? Klar, Romantik besteht zu 80 Prozent aus Sehnsucht und Träumerei. Aber sie funktioniert auch nur, weil die restlichen 20 Prozent ihre Träume Wirklichkeit werden lassen. Und ihr Fußkettchen auf dem Markt von Hyderabad kaufen statt in Shannons Shanti-Shop.

Also: Los geht's! Anonyme Romantikerinnen aller Länder, traut euch! Flüge nach Indien gibt es schon ab 299 Euro. Und das Yoga-Studio ist sogar gleich um die Ecke. Dort sollte man das Fußkettchen allerdings besser abnehmen. Bei bestimmten Haltungen erhöht es nur das Verletzungsrisiko.