Fashionspießer zu Fan-Mode Schwarz, Rot, Bunny?

Bald werden die Massen wieder in den Nationalfarben durch die Straßen ziehen. Schland, olé! Das kann man aus unterschiedlichen Gründen gruselig finden - echte Bedenken gibt es nur bei einem Accessoire.

Von Felicitas Kock

Für die einen ist es Fußball, für die anderen ist es neben Karneval, Halloween und Oktoberfest ein weiterer willkommener Anlass, sich zu verkleiden. Am Freitag beginnt die Europameisterschaft, und wie bei jedem Event der Jogi-Elf kommt eine spezielle Farbkombination in Mode: Schwarz-Rot-Gold.

Es gibt durchaus Menschen, die es befremdet, wenn sich das Land in das Farbschema der Nationalflagge hüllt und Parolen vom Sieg grölt. Ein Kollege aus dem Politik-Ressort äußert bei jeder Fußball-Großveranstaltung den Grusel, der ihn angesichts der "geschichtsvergessenen Irren" befällt, die mit Fahnen durch die Straßen ziehen und sich deutschlandfarbene Überzieher für die Rückspiegel ihrer Golf GTIs zulegen.

Ein berechtigter Grusel, aber nur einer von mehreren. Denn natürlich kann man den Wahnsinn auch aus modischer Perspektive betrachten. Was geht, was nicht, beim Public Viewing?

Achtung, Brust über Bord

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Ein junger Mann formulierte die Frage der Stunde kürzlich in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt: "Ist das dein Ernst?", fragte er seine Freundin, die angesichts einer acht Quadratmeter großen Fanartikel-Wand in entzückte Schreie ausgebrochen war. Einen Arm bereits voll mit Schland-Accessoires, griff sie mit der noch freien Hand zum schwarz-rot-goldenen, paillettenbesetzten Zylinder. Die Pailletten glitzerten in der Mittagssonne und warfen kleine Lichtpunkte auf sein entgeistertes Gesicht. "Sieht doch voll beknackt aus", sagte er noch, bevor er sich umdrehte, um auf seinem Telefon zu spielen.

Karl Lagerfeld hätte es vielleicht vornehmer, aber nicht treffender formulieren können. Glitzerzylinder in Nationalfarben kennt der Modezar von der Seine nicht. Die waren nie in Paris. Zumindest bis jetzt. Mit Anpfiff der EM wird auch Frankreich, diese Wiege europäischen Modedesigns, die Auswüchse des deutschen Fanartikel-Marktes ertragen müssen.

Der gute Geschmack hebt resigniert die Hände

Die Fanmeilen hier wie dort werden bedeckt sein mit glitzernden Zylindern, Käppis, Cowboy- und Tirolerhüten. Darunter Afroperücken (Herr Gauland wäre not amused), Irokesenperücken und sexy Perücken mit langen Haaren und Pony. Es wird Glitzertops, Perlenketten und Federohrringe geben - und Fahnen mit Löchern, durch die der Träger seine Arme stecken kann, um auszusehen wie ein bundesdeutscher Batman. Für gutes Wetter gibt es Bikini-Oberteile, für schlechtes Regenschirme - alles in den Farben der deutschen Flagge, versteht sich.

Man könnte jetzt fragen, was das alles mit Fußball zu tun hat. Man könnte sagen, dass Leute, die sonst keine Irokesenperücke aufsetzen, dies auch nicht beim Public Viewing im Biergarten tun sollten. Weil es dumm aussieht, auch wenn sie vor einer Leinwand sitzen, auf der Fußball läuft - und selbst wenn sie als ganzer Irokesenstamm auftreten. Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Menschen mit der aufwändigsten Verkleidung meist die wenigste Ahnung von Fußball haben. So wie die Menschen mit Seidenglitzerdirndl in der Regel keine Ahnung von bayerischer Tradition haben.

Aber wozu? Es würde den Leuten nur die Laune verderben, und das will niemand. Gehet also hin und verkleidet euch! Es ist EM, der gute Geschmack hebt da resigniert die Hände und lässt jedes noch so alberne Outfit durchgehen.

Hasenohren, ernsthaft?

Mit einer Einschränkung: Haarreife mit schwarz-rot-goldenen Hasenohren. Warum gibt es so was überhaupt? Weil Hasen sich auf Rasen reimt? Weil man dem Hintermann, damit die Sicht aufs Spiel versperren kann? Weil Frauen in Fußballtrikots zu burschikos wirken könnten und deshalb unbedingt etwas Verniedlichendes wie Bunny-Öhrchen brauchen?

Dass Cathy Hummels zuletzt mit genau diesem Fan-Accessoire für die Kameras posierte, ist kein Grund, es ihr nachzutun. Sie ist Spielerfrau und hat ein eigenes Fan-Shirt entworfen (übrigens in der stilvoll französischen Farbkombination Blau-Weiß-Rot). Sie darf das. Alle anderen nicht. Weil Puschelohren, wenn es denn sein muss, Kindergärten, Karneval und der Playboy Mansion vorbehalten sind. Auch wenn das den Hasen- und Fußballfreunden unter den Lesern (die Schnittmenge ist hoffentlich gering) jetzt die Laune verdirbt.

Die Spielerfrau

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